Die Fear of Missing Out: Von der Angst, etwas zu verpassen
CA Angst verpassen rob z art
Freitagabend. Der Schweiß der vergangenen Woche läuft mir in Bächen die Schläfen hinunter, während ein erhobener Zeigefinger meine personal Bubble penetriert. Es ist der des Kassierers, noch dazu ist sein Tadel berechtigt, schließlich war ich es, die vergaß, das Gemüse zu wiegen und damit die mühselig einstudierte Einkaufs-Choreographie meiner Mitmenschen völlig aus dem Takt brachte. Am Küchentisch angekommen, führe ich mir noch schnell einen Haufen Instagram-Stories zu Gemüte, mental bereits in irgendeinem Netflix-Stream versunken. Die Aussicht auf einen entspannten Abend, die mich durch die gesamte Woche getragen hat, ist plötzlich nichts mehr wert, als unerwartet eine Story aufpoppt, die meine Laune in den Keller sinken lässt: Meine alte WG feiert eine ihrer legendären Hausparties – und ich hab’s bis eben total vergessen.
Hingehen oder nicht hingehen – das ist hier die Frage. Hingehen bedeutet, mir inmitten eines Haufens verschwitzter Mittzwanziger, die ich eigentlich gar nicht sehen möchte, die Nacht um die Ohren zu schlagen und meinen wohlverdienten Schlaf mal wieder an den Nagel zu hängen. Als Alternative winkt die Aussicht, auf dem Sofa zu verwesen und mir das Hirn darüber zu zerbrechen, ob ich nun doch eine Mordsgaudi habe sausen lassen, die womöglich mein Leben verändert hätte.

Am nächsten Morgen würde ich schließlich frisch erwacht in die Knechtschaft des eigenen Gedankenkarrussels taumeln, wenn ich auf sämtlichen sozialen Netzwerken die Hiobsbotschaft von all ihren Lippen ablese: „Wir hatten Spaß. Ohne dich!“
Muss das sein?
Just came here for Insta
Das beklemmende Gefühl, bereichernde Erfahrungen oder soziale Interaktionen zu versäumen, die hingegen anderen Leuten zuteilwerden, nennt man Fear of Missing Out, oft betitelt mit dem Akronym FoMO. Als charakteristische Begleiterscheinung dessen gilt der Drang, konstant vernetzt zu bleiben, um Verpassensängste zu minimieren.

Die sozialen Medien haben dabei einen vermittelnden Effekt: Facebook, Instagram und vergleichbare Netzwerke überschütten einen mit den wohldokumentierten Erfahrungen und Erlebnissen von Freunden und Bekannten. Zwangsläufig trifft einen die Erkenntnis, dass eine Vielzahl von Veranstaltungen und Optionen nicht hinreichend ausgeschöpft werden kann – manchmal einfach nur, weil sie nicht mit der eigenen Stimmung vereinbar sind. Einfach zu müde zu sein, um auf die Party zu gehen, wäre ja auch in Ordnung, wenn man nicht am nächsten Morgen noch all den verpassten Momenten auf Instagram nachhängen würde. Die Gesellschaft wird im Digitalen zeit- und ortsunabhängig und bietet deshalb Raum für den ständigen Vergleich.

Soziale Netzwerke sind darauf ausgelegt, unser Belohnungszentrum zu stimulieren, daher bieten sie mithilfe von Likes oder topaktuellen Neuigkeiten viele kleine Dopaminstöße, die uns lohnenswert erscheinen und immer wiederkommen lassen. So kommt es, dass wir manchmal sogar dann stundenlang am Handy hängen, wenn es uns eigentlich gar nicht guttut. Verspürt man Einsamkeit oder Langeweile, so liegt der Versuch nahe, dieser im Internet zu entfliehen. Der Vorteil: Man ist seltener einsam. Das Risiko: Langsam baut sich eine Unfähigkeit auf, alleine zu sein und man wird im Endeffekt schneller einsam. Dem eigenen Anspruch gerecht zu werden und sein Sozialleben erfüllend zu gestalten, wird also beinahe unmöglich.
Das Smartphone als wunscherfüllender Flaschengeist
Die US-amerikanische Soziologin Sherry Turkle sieht im Smartphone eine Art Flaschengeist, der drei Wünsche erfüllen kann. Erstens, den Wunsch, gehört zu werden. Zweitens, es bietet die Möglichkeit, seine Aufmerksamkeit stets auf das zu richten, auf das man sie richten möchte. Und zu guter Letzt auch die Aussicht, nie mehr allein sein zu müssen. Dies ermöglicht es, sich nicht langweilen zu müssen.

Doch was zunächst erstrebenswert erscheinen mag, ist für Turkle eine Bedrohung der Gesprächskultur. Unsere Kommunikation verschiebe sich mehr und mehr in die virtuelle Welt. Es sind jedoch unkontrollierte face-to-face-Gesprächssituationen, in denen wir uns tatsächlich offenbaren. Wir zögern, wir stottern, wir schweigen und vermitteln damit tiefliegende Emotionen und Gedanken, die durch Textnachrichten einfach nicht auf eine vergleichbare Art und Weise vermittelt werden können.

Besonders die steigende Tendenz, in der Anwesenheit anderer das Smartphone zu benutzen, sieht Turkle kritisch. Zwar entfliehe man so der Langeweile und bewahre sich die Kontrolle darüber, worauf man die eigene Aufmerksamkeit richtet. Der hohe Preis ist aber, dass man versäumt, was zum Beispiel eine Freundin oder ein Freund gerade gesagt, gemeint oder gefühlt hat – die hautnahe, reale Gesprächssituation wird vernachlässigt.
Digitalem Eskapismus trotzen
Dabei sind es diese Situationen, auf denen unsere Beziehungen basieren. Passen wir aufeinander weniger auf, als auf unsere Smartphones, büßen wir an Empathie ein. So wird es allzu einfach zu glauben, man sei mit seiner Einsamkeit oder Sorge alleine. Negative Emotionen werden in sozialen Netzwerken oft ausgespart. Es gibt einen Like-Button, keinen Dislike-Button. Mühevoll kuratierte Instagram-Feeds erwecken den Eindruck, die Welt sei voller shiny happy People, die ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen. Doch auch negative Emotionen, Trauer, Wut und Enttäuschungen gehören zum Leben dazu. Wichtig ist, dem Eskapismus zu trotzen und seine Gefühle nicht im digitalen Keim zu ersticken. Eine Freundin oder einen Freund einzuladen und ein tatsächliches Gespräch zu führen, löst den Kummer nachhaltiger, als im Netz zu versinken oder Nachrichten auszutauschen.
Das Internet bietet nicht den gleichen Raum für Selbstreflektion, wie das im Vergleich scheinbar nutzlose und langweilige Tagträumen. Was wir brauchen ist ein aufmerksamer und reflektierter Umgang mit unseren Smartphones. Die kleinen Hochleistungscomputer sollten vielmehr darauf ausgelegt sein, notwendige Erledigungen schnellstmöglich hinter sich zu bringen, um sich dann beliebig wieder abwenden zu können.

Das Smartphone zeigt mir meine Optionen auf und stellt mich vor die Wahl: Hingehen oder nicht hingehen? Aber es sollte mich nicht in meiner Möglichkeit beschneiden, meinen Freitagabend alleine zu genießen. Wenn man schon nicht hingeht, dann sollte man das Beste daraus machen. Und wenn man hingeht, dann um den Moment auch tatsächlich auszuschöpfen und nicht, um am Smartphone zu hängen. Denn wenn uns das Rumgammeln eigentlich eh am liebsten ist, why not embrace it: The Joy of Missing Out. 

Text Isabel Pinkowski
Foto rob z - stock.adobe.com

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