Es gibt nur einen Menschen, mit dem man es wohl oder übel sein ganzes Leben lang aushalten muss – man selbst. Wäre es da nicht praktisch, wenn man sich gern hat?
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Egal ob Ratgeber, Social-Media-Post oder Werbung: Wo man auch hinschaut, wird Selbstliebe als Allround-Wohlfühl-Rezept kredenzt, um persönliche Probleme rund um die Verbindung mit sich selbst und anderen zu lösen und das Leben leichter zu machen. Auf Instagram raten Blogger und Influencer, sich am Sonntagabend nach der Yoga-Session eine Hydra-Facial-Gesichtsmaske aufzutragen, um alle Sorgen für einige Zeit verschwinden zu lassen und sich mal wieder richtig gut um sich selbst zu kümmern. Wenn das nicht klappt, kann man, sofern die Lage es zulässt, einen Trip buchen, um mal aus dem Alltagstrott rauszukommen, sich neue Klamotten oder einen Beruhigungstee gönnen. Nicht, dass Selfcare belanglos wäre und man diese Momente im Alltag nicht brauchen würde. Damit sich die Zufriedenheit aber nach einem Schaumbad voller Harmonie und Ruhe nicht direkt wieder verabschiedet, gehört vielleicht doch ein bisschen mehr dazu. Alle wünschen sich Selbstliebe, präsentieren sie oder arbeiten darauf hin, aber was heißt es überhaupt, sich selbst zu lieben?



Selbstliebe oder Egoismus?
Gibt man bei Google Selbstliebe ein, wird diese von Oxford Languages als „egozentrische Liebe zur eigenen Person“ betitelt. Laut der Süddeutschen ist es jedoch so, dass Egoisten die Liebe zu sich selbst oft fehlt und sie sich diese, ohne Rücksicht auf Verluste, in Form von Anerkennung ihrer Mitmenschen sichern. Oft sind es Selbstverliebte, nicht zu verwechseln mit Selbstliebenden, die annehmen, fehlerfrei zu sein und das Reflektieren lieber anderen überlassen. Eine gesunde Beziehung zu sich zu haben, hat jedoch wenig mit egoistischen Motiven zu tun. Weder geht es darum, makellos zu sein, noch darum, ausschließlich um die eigene Person zu kreisen und die Bedürfnisse anderer außer Acht zu lassen. Im Gegenteil: Sich selbst zu akzeptieren, trägt eher dazu bei, ehrliche zwischenmenschliche Verbindungen einzugehen und aufrechtzuerhalten. Laut Diplom-Psychologin Susanne Schwarz sind mit sich selbst Zufriedene gelassener in Beziehungen, da sie nicht so sehr auf Bestätigung von außen angewiesen sind und weniger Angst vor Ablehnung haben. Es fällt oft viel leichter, liebevoll mit seinen Mitmenschen umzugehen, wenn man mit sich selbst im Reinen ist.

Selflove und Social Media
„Selbstliebe bezeichnet die allumfassende Annahme seiner selbst in Form einer uneingeschränkten Liebe zu sich selbst“, erklärt Wikipedia das Phänomen. Alles, was man an sich selbst nicht gut findet, kann man angeblich lieben lernen. Die Frage ist aber auch, ob man überhaupt immer alles an sich toll finden muss. Vielleicht reicht es schon, nicht nur über die guten, sondern auch die schlechten Eigenschaften der eigenen Person Bescheid zu wissen. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man seine Stärken für sich nutzen und seine Schwächen anerkennen. Dabei ist es nicht wichtig oder notwendig, die eigenen Makel zu lieben oder gar auszumerzen.

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Mittlerweile surfen auch viele Instagrammer auf der Selbstliebe-Welle, die über eine Gesichtsmaske hinausgeht und der Offenbarungstrend vermeintlich fehlerhafter Persönlichkeitsmerkmale löst den (Online)-Perfektionismus langsam ab. Narben, Cellulite oder auch ein leichter pandemiebedingter Bauchansatz werden inzwischen in vielen Insta-Posts nicht mehr versteckt. Auch ein schlechter Tag oder eine chaotische Phase sind entgegen der 365-Tage-Happiness-Show öfter ein Thema. Wenn wir offen und ehrlich mit unseren eigenen unliebsamen Wesenszügen umgehen, kann das auch anderen helfen, sich zu akzeptieren. Natürlich muss nicht jeder seine Makel öffentlich darstellen, schließlich kann das Ganze auch ins Gegenteil umschlagen und Druck erzeugen. Jede Person startet an einem anderen Punkt und braucht unterschiedlich viel Zeit, um sich von den eigenen Unsicherheiten zu lösen. Trotzdem kann es hilfreich sein zu sehen, dass das große Idol auch ein Mensch mit Macken ist, genau wie man selbst.

Kann man Selbstliebe lernen?

Ist die positive Einstellung sich selbst gegenüber, ob wir sie nun als Liebe oder Akzeptanz bezeichnen, angeboren oder kann man dafür lernen wie für ein Fach an der Uni? Eine behütete Kindheit mit der Sicherheit geliebt zu werden, ist durchaus eine gute Basis für den weiteren Lebensweg. Ohne diese Unterstützung ist es vielleicht schwerer, positive Gedanken und Einstellungen zu erlernen, aber nicht unmöglich. Denkweisen können jederzeit infrage gestellt werden und sind veränderbar, wenn man sich von den festgetretenen Pfaden im Kopf löst. Es beginnt damit, sich die richtigen Dinge zu fragen: Was denke ich wirklich über mich und wo kommt das her? Macht mir Spaß, was ich tue? Ist mein Job erfüllend? Gibt es etwas in meiner freien Zeit, was mir Freude bereitet? Führe ich Beziehungen auf Augenhöhe? Bin ich insgesamt zufrieden und wenn nicht, woran könnte das liegen? Was kann ich tun, um mich weiterzuentwickeln?

Selbstliebe ist keine finale Destination, an der man ankommt, wenn man die Traumfigur, die Frisur oder den Job hat, den man sich immer gewünscht hat. Es ist ein Prozess, der sich entwickelt, der auch mal stagnieren kann und dann wieder weitergeht. Anstatt Druck aufzubauen, sich 24/7 selbst lieben zu müssen, reicht es, wohlwollend mit sich umzugehen. Die Ups and Downs des Lebens zu meistern, wird auf jeden Fall einfacher, wenn man zu seinen Werten steht, sich vielleicht sogar gern hat und sich bewusst ist, dass Schwächen und Makel einfach dazugehören.

Text Lina Tauscher
Fotos barrirret, Wayhome Studio-stock.adobe.com

27. Mai 2021

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