Wenn Menschen andere zum Babykriegen auffordern und dabei jene vergessen,
die keine Kinder haben. Muss das sein? Eine Anklage.
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Während ich an nichts Böses denke und an meinem Glas mit Limetten-Ingwer-Bowle nippe, reißt mich meine Kommilitonin Ella, die eigentlich anders heißt, schwärmerisch mit einem Satz aus den Gedanken: „Werdet alle schwanger!“ Ich war komplett abgeschweift – bis jetzt. Als sie weiter säuselt: „Das ist einfach das allergrößte Geschenk auf Erden. So eine Liebe habe ich zuvor noch nie empfunden“, verschluckte ich mich an der Bowle. Bei einem Getränk mit gewisser Schärfe im Abgang kann das ganz schön unangenehm sein. Schön … Rachenschmerzen.
Ella prostet uns zu, ihren restlichen Gästen und mir. Die anderen lachen und schenken sich Likör aus Ellas Eigenproduktion nach, jemand applaudiert. Es ist Ende des Semesters und Ella schmeißt eine kleine Abschiedsparty, um ihre Entscheidung zu feiern, vorerst das Studium unterbrechen zu wollen. Sie möchte für ihr Kind und ihre Familie da sein. Das ist gut nachvollziehbar und dafür hat sie auch meinen vollsten Respekt verdient. Es ist sicher eine immense Herausforderung, Studium, Kind und Selbstständigkeit unter einen Hut zu bekommen. Ja, Ella und ihr Partner haben sich irgendwie selbstständig gemacht. Sie wollen ihre Schafsfarm vergrößern, oder waren es Alpakas? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht sollte ich einfach mal nachfragen, was sie denn jetzt genau züchtet, sofern sie nach Veröffentlichung dieses Artikels überhaupt jemals noch ein Wort mit mir wechselt. Was ich stattdessen aber auf jeden Fall weiß, ist dass Ella seit fünf Jahren eine gesunde und zuckersüße Tochter hat. Diese Information hat sich in meinem Kopf festgebrannt. Nicht nur, weil Ella immerzu Fotos von ihrem Kind über soziale Kanäle verbreitet, sondern weil sie pausenlos davon berichtet. Selbst in ihren Prüfungsleistungen bindet sie den Dozierenden ihr „Wunder“ auf die Nase. Es ist in Ordnung, stolz auf sein persönliches Mini-Me zu sein und darüber zu sprechen. Aber das rechtfertigt es noch lange nicht, andere Menschen zur Vermehrung und zum Gebären aufzufordern, ihnen damit jeden Tag in den Ohren zu liegen.
Muss Kinderlosen Salz in die Wunde gestreut werden?
Es verwirrt mich, dass die anderen Ellas immerzu wiederholte Werbung für das Erlebnis Mutterschaft scheinbar so entspannt auffassen. Aber vielleicht waren sie auch ebenso feige wie ich, ihren Mund aufzumachen. Mich regten diese Konversationen jedenfalls zum Nachdenken an: Was ist mit denen, die keine Kinder wollen, weil sie beispielsweise dem Planeten nicht noch mehr Schaden zumuten möchten? Oder schlimmer: Was ist mit denen, die keinen passenden Partner oder keine passende Partnerin finden? Eine Adoption als Alleinerziehender oder Alleinerziehende wird in Deutschland durch sehr viel kritischere Überprüfungen der Ämter immer noch stark erschwert. Was ist mit denen, die schon lange darum bemüht sind, ein Kind zu zeugen, doch es will einfach nicht klappen? Und was, wenn die Anwesenden sich mit Unfruchtbarkeit oder Impotenz plagen? Wie sieht es mit denjenigen aus, die ihr Kind verloren haben? Man kann kaum nachempfinden, welche psychischen Belastungen und Traumata von jenem Zeitpunkt an die Leben dieser Menschen begleiten. Was mögen wohl die Frauen denken, die einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich haben, aus welchen Gründen auch immer? Soll in ihnen ein schlechtes Gewissen erzeugt werden, sodass sie verstummen und das Thema erneut stärker tabuisiert wird? Muss all diesen Menschen wirklich noch Salz in die Wunden gestreut werden – oder sehe ich das zu eng? Meine ehemalige Kommilitonin hat mit ihrer Aussage nicht nur Propaganda zum Elternwerden betrieben, sondern zudem betont, Eltern müssten ihre Kinder lieben. Ist es in Ordnung, Menschen für ihre Gefühle an die Wand zu stellen, wenn Mutterschaft bereut wird – Stichwort „regretting motherhood“?

„Was ist mit denen, die schon lange bemüht sind, ein Kind zu zeugen, doch es will einfach nicht klappen?“

Reflektion statt Drauflos-Geplapper
Es ist bestimmt nicht Ellas böse Absicht, ihre Euphorie so fahrlässig zu streuen, aber wie kann schon geahnt werden, ob sich unter den Anwesenden nicht doch jemand mit solchen Hintergründen oder Umständen ähnlicher Art befindet? Die letzte Nachricht, die ich von Ella las, war: „Ach ja, kurzer Reminder: Macht Kinder!“ Die Menschen sind nicht reflexiv und ich bin diesbezüglich sicher auch kein absolutes Vorbild, aber ich werde versuchen in Zukunft darauf zu achten, mich zu bessern. Und um nach diesem Artikel einem Shitstorm wenigstens etwas vorzubeugen: Nein, ich hasse Kinder nicht. Mir ist es nur ernst. 

Text H. Farmer
Fotos gradt - Fotolia.com

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