Gutes tun und sparen, legales Containern via App.
SUBWAY-Campus-Korrespondentin Kristin Schaper isst eine Woche lang „Too Good To Go“.
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Während in Frankreich das Wegschmeißen von essbaren Lebensmitteln verboten ist, verhängt Deutschland für deren Rettung Strafen. Laut Süddeutscher Zeitung und Bayrischem Rundfunk wurden Ende Januar zwei Studentinnen wegen Containerns zu acht Stunden Sozialarbeit und 225 Euro Geldstrafe auf Bewährung verurteilt. Dabei wollten sie gute Nahrung vor der Tonne bewahren. Auch die dänische App „Too Good To Go“ bekämpft Lebensmittelverschwendung. Ich prüfe diese auf Herz und Nieren, denn wie meine Großmutter sagte: „Bevor das Essen im Müll landet, essen wir es auf.“
Millionen in die Tonne
Nach einer Studie des World Wide Fund for Nature (WWF) schmeißt Deutschland jährlich 18 Millionen Tonnen an Nahrungsmitteln in den Müll – bei einem Gesamtverbrauch von 54,5 Millionen Tonnen. Dies entspricht einer Verschwendung von rund einem Drittel aller produzierten Lebensmittel, die letztlich nicht auf dem Teller landen. Über 2,6 Millionen Hektar wurden für die Gewinnung dieser 18 Millionen Tonnen bewirtschaftet. Dazu „werden Ressourcen wie Wasser, Boden und Energie benötigt. Hinzu kommen Verpackung und Transport“, erklärt die Marketing- und PR-Managerin der kostenlosen Lebensmittelretter-App Too Good To Go Franziska Lienert. Ferner führte das zu 48 Millionen Tonnen Treibhausgasen, so der WWF. Dem stimmt Lienert zu: „Pro einem Kilogramm Essen werden in der Produktion zwei Kilo CO2 ausgestoßen. Wir rechnen mit einem Kilo pro Person.“ – Und all das, um Lebensmittel für die Tonne zu erzeugen? Bei den Zahlen wird mir übel. Ähnlich erging es wohl den fünf Gründern der App, deren Geschichte mir Lienert erzählt: Als sie in einem Buffetrestaurant aßen und bemerkten, dass dieses am Ende des Tages noch komplett mit frischen Gerichten gefüllt war, hakten sie beim Betrieb nach, und erfuhren die ungeschminkte Wahrheit über die gängige Praxis der Mehrheit gastronomischer Betriebe: Die Speisen werden entsorgt. Dieser für sie unerträglichen Tatsache wirken sie heute mit der App und dem Gedanken über Essen too good to go (dt. „zu gut, um zu vergehen“) entgegen. Ihre Mission: „Jedes produzierte Lebensmittel soll konsumiert werden“, so Lienert. Inzwischen wird die App in vielen europäischen Ländern genutzt. Neben Dänemark und Deutschland, ist sie beispielsweise auch in den Niederlanden, Spanien oder Großbritannien vertreten. Ihrer Mission schließe ich mich an. Für eine Woche ernähre ich mich ausschließlich über Too Good To Go, denn ich möchte selbst etwas gegen die Ausmaße der Lebensmittelverschwendung unternehmen.
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Retten und satt werden
Mein erster Stopp führt mich in das Pentahotel Braunschweig, das seit letztem November Partner der App ist. Eine Freundin und ich retten für 3,99 Euro eine Portion des Frühstücksbuffets, um anschließend süß und herzhaft zu brunchen. Via App, mit Paypal, Onlinebanking und Kreditkarte als Bezahloptionen, kaufen wir vorab die Box. Im Hauptmenü werden alle Partnerläden angezeigt, die überproduziertes Essen zu vergünstigten Preisen anbieten. Anhand der Karte lässt sich der Standort nachvollziehen. Sind keine Portionen verfügbar, ist der jeweilige Betrieb mit einem roten Punkt versehen. Ein gelber zeigt an, dass nur noch eine Portion übrig ist, und ein grüner, dass mehrere Reste auf Rettung warten. Neben dem Pentahotel gibt es in Braunschweig auch bei dean&david, immergrün oder Nordsee Pakete abzuholen.

Kurz vor Ende des Frühstücks dürfen wir uns am Hotelbuffet bedienen. Die Abholzeit beginnt um zehn Uhr und dauert eine viertel Stunde. Die Rezeption entwertet den in der App gespeicherten Kaufbeleg und gibt uns Boxen, bestehend aus 100 Prozent biologisch abbaubaren Substanzen, in die wir uns so viel abfüllen dürfen, wie reinpasst. Obwohl das Buffet, reichend von Rühreiern bis hin zu Pancakes, schon gut abgegrast ist, landen neben Frühstücksbrötchen Croissants, Marmeladen, Käsevariationen, gekochte Eier, Tomaten, Gurken und frische Melonen- und Ananasstückchen in unseren Dosen. Die Situation, sich mit Jacke und Rucksack bepackt unter die Gäste zu mischen, um Essen in Pappschachteln abzufüllen, ist etwas merkwürdig. Dennoch überwiegen die guten Gefühle. Es macht stolz, Lebensmittel zu retten und dadurch den Planeten zu schonen, mit dem Bonus Geld zu sparen.

Deutschland schmeisst jährlich 18 Millionen Tonnen an Nahrungsmitteln in den Müll – bei einem gesamtverbrauch von 54,5 Tonnen

Nachhaltigkeit spiele im Pentahotel eine große Rolle: „Gutes Essen gehört auf den Teller und nicht in die Tonne. Fünf Minuten vor Buffetschluss geben wir keine randgefüllten Platten heraus. Alles, was aufgetischt wird, muss leider gemäß europäischer Hygienestandards entsorgt werden – und das möchten wir vermeiden. Umso besser, dass wir mit der App einen Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung leisten können“, führt die Vertriebsdirektorin Silke Neundorf aus.
Die Bäckerei und Konditorei Kappes dagegen schätzt den Aufwand, Angebote in der App zu schalten und die Kaufabwicklung als aufwändig ein. Ähnlich geht es der Makery. Stattdessen nehmen beide Betriebe am Foodsharing teil, bei dem restliche Speisen kostenlos verteilt werden. Eigentlich sei es einfach, Partner der App Too Good To Go zu sein, beschreibt Lienert den Teilnahmeprozess: „Für die Betriebe wird einmalig ein Profil mit einer Beschreibung über angebotene Speisen erstellt. Dafür wird besprochen, wie viele Portionen in der Regel übrig bleiben, wie viel eine davon kostet und wann sie abgeholt werden soll. Nach Onlinestellung muss der Laden nichts weiter machen, als Portionen herauszugeben, sobald sie gekauft wurden. Die Betriebe erhalten nach jedem Kauf eine Benachrichtigung.“ Ein Paypal-Konto sei nicht nötig. Die finanzielle Abwicklung laufe komplett über Too Good To Go. Insgesamt sind die Kosten für die teilnehmenden Gastronomen überschaubar: Sie geben pro verkaufter Box einen Euro an das Unternehmen Too Good To Go ab. Mein Plan, mich ausschließlich via App zu ernähren, geht nicht auf – zumindest noch nicht in Braunschweig.
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Essen statt wegschmeißen
Durch Einfrieren, viel Planung sowie Zeitmanagement und Kreativität bin ich eine Woche lang für 15,99 Euro satt geworden und habe zwölf Kilogramm CO2 gespart.

Leider kann Too Good To Go lediglich von Konsumenten mit Smartphone und Paypal, Onlinebanking oder Kreditkarte genutzt werden, was ältere, weniger technikafine Generationen ausgrenzt. Trotzdem bietet die App eine gute Möglichkeit selbst Einsatz im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung zu beweisen. Nach dieser Challenge weiß ich, dass Omas Philosophie aktueller denn je ist und nicht bloß ein Kriegstrauma der Nahrungsmittelknappheit. Ich werde kein Essen mehr einfach so in die Tonne pfeffern und auch Foodsharing ausprobieren.

Text Kristin Schaper
Fotos Kristin Schaper, Screenshots, Leonid - Fotolia.com

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