Sehnsüchte und Zukunftsängste der „Generation Corona“ werden hämisch von Älteren belächelt. Warum wir uns mehr Akzeptanz für unsere Situation wünschen.
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Wie gern würde ich doch feiern gehen; mich eng an fremde Menschen schmiegen, den Bass in meiner Brust spüren, Shots mit Freunden und Zufallsbekanntschaften trinken und ausgelassen meine Zeit in den Zwanzigern genießen. Sind diese Gedanken verwerflich? Immerhin schwebt seit nun einem Jahr eine dunkle Corona-Wolke über all unseren Köpfen und zerstört weiterhin Existenzen und Leben. Mir ist bewusst, dass ich von einem Luxusproblem spreche, jedoch habe ich auch das Gefühl, dass Boomer, PolitikerInnen und RentnerInnen die Belange junger Menschen ausblenden oder mit einem schnippischen Kommentar wie Söders „aber Sie können zu Hause mit Ihrer Partnerin tanzen“ abtun. Sehen sie uns dann doch Corona-konform an der Ecke cornern, durchbohren uns ihre hämischen Blicke eindringlich. Wie steht es also um unser „Recht auf Party“?


Schrei nach Freiheit
Um eines vorwegzunehmen: Natürlich zieht Feiern den Kürzeren, wenn es in Konkurrenz zum Recht auf körperliche Unversehrtheit steht. Vielmehr wünsche ich mir von der Politik, dass sie sich nicht nur nach der Ü30-Generation richtet. Immerhin sind wir die Zukunft und verhalten uns entgegen der Annahme vieler Boomer rücksichtsvoll und nehmen die Maßnahmen ernst. Viel Empathie für Teens und Twens hagelt es von ihrer Seite hingegen nicht. Doch was sie nicht vergessen dürfen, ist, dass eine junge Generation ihrer Jugend beraubt wird. Unter anderem all jenen besonderen Feierlichkeiten, die nicht nachholbar sind – sei es der 18. Geburtstag, die Entlassungsfeier, Erstsemesterpartys oder die Findungsphase nach dem Schulabschluss. Eine ganze Generation befindet sich auf dem Wartegleis und der Zug fährt nach Nirgendwo. Übersetzt bedeutet Lockdown also so viel wie: „Ihr könnt nicht so leben, wie es eigentlich in dieser Lebensphase üblich ist.“
Im Oktober vergangenen Jahres gab eine junge Frau namens Ida dem ZDF heute journal ein kurzes Statement zur aktuellen Corona- Lage. „Ich war seit März nicht mehr feiern und davor war ich dreimal die Woche irgendwo. Das ist schon traurig, ich brauche das nämlich eigentlich, ich bin darauf angewiesen. Darauf zu verzichten, das geht mir schon echt ab“, erklärte sie, ohne zu wissen, dass innerhalb kürzester Zeit ein Shitstorm auf sie losbrechen wird. Spott und Hohn musste sich Ida für diese Aussage einfangen, obwohl sie schlicht ihre aktuelle Gefühlswelt darlegte. Nicht einsam sein zu wollen, ist kein First World Problem, so wie es in den sozialen Medien gern tituliert wird. Vielmehr ist es ein Human Problem. Niemand sollte allein sein, aber viele sind es derzeit. Zum Beispiel die Erstsemester, die zum Studieren den Schritt in eine andere Stadt gewagt haben, aber seitdem stundenlang den heimischen Schreibtisch hüten und die neue Heimat nur auf dem Weg zum wöchentlichen Lebensmitteleinkauf erkunden.
Ist es denn so unverständlich, dass unsere Frustration groß ist? Gerade jetzt, wo man knapp vier dunkle Wintermonate hinter sich gebracht hat.
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Verständnisloses Kopfschütteln
Lagerkoller durch Online-Semester und Homeschooling, monotone Tagesstrukturen und soziale Isolation triggern tatsächlich Ängste und erhöhen die mentale Belastung auch auf die Psyche gesunder Menschen. Die jugendliche Sturm-und-Drang-Phase weicht einer großen Depression.
Der Soziologe Michael Corsten von der Universität Hildesheim hat den treffenden Neologismus „Generation Corona“ entworfen, der konstatiert, dass die Jugend nicht nur psychische, sondern vor allem existenzielle Folgen erleiden wird. Besonders durch Homeschooling wird die Bildungsschere immer größer. Bildungsexperte Professor Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance rechnet sogar damit, dass die Covid-19-Pandemie bei einem Drittel aller SchülerInnen zu Bildungsrückständen führen wird. Vor allem Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen bleiben dadurch auf der Strecke.
Eine weitere Herausforderung ist, dass Menschen, die während einer Rezession in das Arbeitsleben starten, häufig klare Nachteile gegenüber anderer Arbeitnehmergenerationen erleben. Vor allem das Einkommen ist deutlich niedriger und es kann bis zu zehn Jahre dauern, bis die Gehalts-Gap zwischen Soll und Haben überwunden ist. Außerdem entfallen derzeit viele Jobs und Ausbildungsstellen, weil beispielsweise die Kultur- und Veranstaltungsszene stillgelegt wurde und Betriebe in Kurzarbeit sind.


Die Lücke im Lebenslauf ist durch die Corona-Pandemie einfach schwerer und schlechter zu begründen: Selbstfindungsphase in der sozialen Isolation klingt schließlich weniger beeindruckend als Work and Travel in Australien.
Es fällt uns schwer, geduldig zu bleiben, wenn wir auf heißen Kohlen sitzen und die Welt entdecken wollen. Damit beziehe ich mich nicht nur aufs Reisen, sondern auch auf das Sammeln von Lebenserfahrung, das Schließen von Freundschaften, Flirten und die Suche nach der (großen) Liebe. Vieles davon geschieht auch beim Feiern und formt uns von der kompletten Orientierungslosigkeit zu dem Menschen, der stückweise dazulernt, wer er ist und was er vom Leben will.
Wir können und müssen weiterhin ausharren, das ist uns bewusst. Dieser Appell geht jedoch raus an PolitikerInnen und Leute jenseits der 40: Schluss mit dem Generation-Blaming! Hört uns an und nehmt uns ernst. Immerhin werden wir die Kosten der Krise zum Großteil tragen, die Rentenkassen füllen und die Gesellschaft stützen. Wir wünschen uns einfach mehr Akzeptanz für unsere Sehnsucht nach ein bisschen Party.

Text Denise Rosenthal
Fotos G. Lombardo, Syda Productions-stock.adobe.com

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