Zwischen Fitnesswahn und Fitnesswahnsinn:
Warum wir unseren Körperkult einmal mehr hinterfragen sollten.
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Hand aufs Herz: Wie siehts aus mit den Neujahrsvorsätzen? Wurde die Mitgliedschaft im Fitnessstudio schon wieder gekündigt und die Jogginghose nur noch zum Gammeln angezogen? Dass das mit dem neuen gesunden Lifestyle im Frühling schon nicht mehr ganz so gut funktioniert, wäre zumindest ein gar nicht so unübliches Phänomen. Mit den ersten verträumten Gedanken an den kommenden Sommer wird eines klar: Ein Sommer-Body wird im Winter gemacht. Es macht sich nämlich allmählich der Druck breit, sich bald wieder in Bikini oder Shorts zeigen zu müssen und die Optimierung des Äußerlichen beginnt erneut.


Aber nicht nur am Strand möchte man eine Topfigur machen. Auch auf diversen Dating-Apps möchte man sich nur von der besten und trainiertesten Seite zeigen. Viele männliche sowie weibliche Nutzer:innen geben an, dass das Gym ihr zweites Zuhause sei und sie wahre Fitness-Freaks wären. Sie sehen ihre Gym-Addiction scheinbar als einen positiven Charakterzug. Aber woher kommt dieser Fitnesswahn – der Kult um den eigenen Körper?
Kapital Körper
Sport hat ein tief verwurzeltes Dasein in unserer Gesellschaft, aber so richtig losgetreten wurde die Fitness-Welle wahrscheinlich erst von the one and only Jane Fonda („Grace and Frankie“) und ihren Aerobic-Videos in den 80ern. Mittlerweile sind Sportbegeisterte nicht mehr an Schweißband und Stulpen, sondern eher an Tank-Tops und Leggins zu erkennen, wenn sie ihre Körper stählen. Schließlich möchte man auch beim Pumpen instagrammable aussehen. Teilweise macht sich dadurch der Eindruck breit, dass einige nur für Spiegel-Selfies die Trainingsfläche des Fitties betreten.
Dabei hat der Besuch des Gyms die verschiedensten Gründe: Sei es aus Spaß an der Freude, um den Körper in die gewünschte Form zu bringen oder um Kraft aufzubauen und endlich das Gurkenglas selbst öffnen zu können. Aber auch in Zeiten von ewiger Büroarbeit und Home-Office bietet es die Möglichkeit, gegen Rückenschmerzen und den eigenen körperlichen Verfall anzugehen. Denn wie heißt es doch so schön: Wer rastet, der rostet.
Aber es gibt auch diejenigen, die nicht für sich selbst Gewichte stemmen und einen strengen Ernährungsplan befolgen. Vielmehr möchten sie anderen gefallen, ihr Kapital auf dem Dating-Markt ausbauen oder einem gewissen Schönheitsideal nacheifern à la „Breiter als der Türsteher“ oder „Sanduhr-Figur“. Die 22-jährige Anna hingegen behauptet frei von sich, dass sie trainiert, weil es ihr Spaß macht, die Laune hebt, aber auch um Muskeln aufzubauen. Trotzdem fällt ihr auf: „Man trainiert auch, weil man
sich schöner fühlt. Aber warum ist das so? Weil man sich selbst schöner findet oder weil andere es tun?“ Das ist nur schwer zu trennen. Anscheinend sind wir so durch gängige Schönheitsideale unserer Gesellschaft beeinflusst, dass wir nicht mehr unterscheiden können, warum uns etwas gefällt und wir einem gewissen Bild entsprechen wollen.
Um der Idee von einem „perfekten“ Aussehen näherzukommen, werden keine Kosten und Mühen gescheut. Etwa elf Millionen Menschen sind in Deutschland in einem Fitnessstudio angemeldet. Wie viele davon tatsächlich trainieren, ist natürlich eine andere Frage, aber der Mitgliedsbeitrag wird trotzdem bezahlt. Darüber hinaus boomt der Markt für Sportler:innennahrung und so werden jährlich circa 150 Millionen Euro für Proteinpulver und Co. ausgegeben. Aber auch Fitness-Accounts auf YouTube oder Instagram schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Wer wurde etwa noch nicht via Workout-Video von Pamela Reif oder Sascha Huber gequält? Wir investieren heute so viel Zeit und Geld in unseren Körper wie noch nie zuvor.

Und dann steht man da vor dem Spiegel in dem extra gekauften Gymshark-Outfit und macht einen Biceps-Curl nach dem anderen, während auf einmal die Frage aufploppt, für wen man das Ganze eigentlich macht. Dass dieser Körperkult auch seine Kehrseite hat, liegt auf der Hand.
Zwei Seiten der Medaille
Der Leistungsgedanke unserer Gesellschaft ist dabei nicht ganz unbeteiligt und findet auch im Sport Anklang. „Der Sport ist prädestiniert dafür, dass Menschen für außergewöhnliche Leistungen Anerkennung erhalten. Unsere Zeit ist zudem vom Körperkult geprägt, der Sport spielt dabei eine wichtige Rolle“, bestätigt auch Sportsoziologe Robert Gugutzer im Frankfurter-Rundschau-Interview. Die Schattenseiten dieses Fitnesswahn(-sinns) werden in Extremen deutlich wie Sportsucht, Essstörungen oder Muskeldysmorphie, wenn sich Betroffene trotz Muskeln immer noch für zu dünn halten.
Der kritische Blick in den Spiegel ist dabei nicht nur bei Frauen ein altbekanntes Problem. Auch Männer scheinen immer mehr unter großem Druck zu stehen und das trotz des ganzen Hypes um Body-Positivity. Es existiert vor allem unter Männern das Bild, dass sie möglichst trainiert und athletisch auszusehen haben. Der 21-jährige Louis geht etwa lieber Bouldern statt Pumpen, verspürt aber genauso diesen Druck, einem Schönheitsideal entsprechen zu müssen: „Es wäre schön, wenn ich diesen Druck nicht hätte. Aber sich von gesellschaftlichen Bildern und Erwartungen abzulösen, ist verdammt schwer. Als Gegenstrategie versuche ich, mich auf meinen Körper zu fokussieren. Das heißt, mich nicht mit anderen zu vergleichen und meinen Körper so zu akzeptieren und so wertzuschätzen, wie er ist.“ Ein Gedanke, der sich auch gut auf andere Lebenssituationen übertragen lässt.
Natürlich ist Sport auch gesund und wie bei allen Dingen im Leben sollten das eigene Glück und die Gesundheit im Vordergrund stehen. Wie praktisch, dass bei jeglichen Sportarten gleich ein ganzer Schwall an Glückshormonen ausgeschüttet wird. Außerdem bietet es eine willkommene Gelegenheit, um Abstand vom Alltag zu gewinnen und Stress abzubauen. So macht sich am Ende einer durchschwitzten Trainingseinheit dieses wohlige Gefühl von Zufriedenheit und Ausgeglichenheit breit – nicht zuletzt auch deshalb, weil man den inneren Schweinehund besiegen konnte. Und das ist auch außerhalb des Gyms möglich, zum Beispiel beim Skaten, Joggen oder Yoga. Also: Macht den Sport, der euch Spaß bereitet – wen juckt da noch der Sommer-Body. Denn egal ob mit oder ohne Muckis – ihr seid schön, so wie ihr seid.

Text Marie Vahldiek
Fotos Fractal Pictures-stock.adobe.com

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