Was es bedeutet, ein Arbeiterkind an der Universität zu sein
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Die Universität – ein wunderschöner Ort an dem blitzgescheite Denker ihren unendlichen Wissenshunger stillen können. Schon geistreiche Größen wie Goethe, Schiller und Kant haben dort ihren unglaublichen Wissenshorizont erweitert. Und auch heutzutage versammeln sich Gelehrte, Intellektuelle, Wissenschaftler, Professoren und solche, die es noch werden wollen nach wie vor in den Hörsälen der Bildungsinstitution. Hier vereint sich die Gesamtheit der Wissenschaften – universitas litterarum. Ja, das klingt doch wahrlich schön. Kein Wunder, dass die Anzahl der Studierenden an Hochschulen Jahr für Jahr steigt. Möchte man sich doch auch in die Schlange der großen Dichter und Denker einreihen oder hat mal davon gehört, dass studieren eigentlich wie hartzen ist, nur mit dem klitzekleinen Unterschied, dass die Eltern darauf stolz sind.
Betrachtet man die Hochschulen dieses Landes, lässt sich allerdings feststellen, dass dort ein gewaltiges Ungleichgewicht zwischen Studierenden aus Akademiker- und Arbeiterfamilien herrscht. Rein statistisch gesehen schaffen von 100 Schulabgängern nur 23 aus Arbeiterfamilien den Sprung an die Universität, bei Akademikerkindern sind es drei Mal so viel. Warum ist das so?
Häufig fehlen den sogenannten Arbeiterkindern die akademischen Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Studieren, obwohl das noch niemand aus meiner Familie gewagt hat? Ich weiß ja nicht. Hingegen Akademikerkinder quasi ihr göttliches Schicksal in die Wiege gelegt bekommen. Gemäß dem Motto: Ich habe studiert, dann tust du es gefälligst auch!

Die 26-jährige BWL-Studentin Melina ist so ein Arbeiterkind aka Studierende der ersten Generation. Ihr Vater ist Elektriker, ihre Mutter Sekretärin; Geschwister hat sie keine. Nach ihrer Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten schmiss sie ihre bisherige berufliche Laufbahn über den Haufen und machte das, worauf sie Bock hatte: Abitur und Studium.
„Meine Familie stand meinem Studienwunsch erst ziemlich kritisch entgegen“, erzählt die BWL-Studentin, „ sie verstanden nicht, warum ich den Beruf, den ich drei Jahre erlernt habe, nun einfach wegwerfe. Ich schätze, das ist so ein Generationending. Meine Eltern und Großeltern haben ihr Leben lang gearbeitet und nie den Beruf gewechselt. Aber nachdem ich ein Spitzenabitur gemacht habe, einen Studienplatz bekam und sie sahen, mit wie viel Enthusiasmus ich dabei war, platzten sie vor Stolz.“
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Akademikerkinder > Arbeiterkinder
Credits, Musterstudienplan, Seminar, Kolloquium, Prüfungsanmeldung – ein Handbuch für Einsteiger wäre jetzt genau das Richtige. Und dann begegnen den unbeholfenen Neuzugängen auch noch Begriffe wie Foucaults Diskursanalyse, de Saussures Arbitrarität oder die Fouriertransformation. Hä?! Bloß nichts Dummes sagen! Bloß nichts Dummes fragen! Weiß man doch als Arbeiterkind nicht, welche weltfremden Begriffe oder eindrucksvollen Werke in elitären Akademikerkreisen allgemein bekannt sind.

„Ich war zu Beginn meines Studium wirklich ein wenig verängstigt“, erklärt die BWL-Studentin, „meine Kommilitonen wirkten so souverän und cool, während ich daran zweifelte, ob ich mit ihnen mithalten kann.“ Besinnt man sich auf die Soziologie, kann es schon sein, dass Akademikerkinder an der Universität rein vom Wissensstand im Vorteil sind. Immerhin wurden sie von Akademikern erzogen, die ihnen Verhaltensmuster, Wissen, Begrifflichkeiten und ein gewisses sprachliches Repertoire mit auf dem Weg gegeben haben. Außerdem können sie ihrer kultivierten Brut bei Hochschulfragen oder beim Korrekturlesen von Hausarbeiten zur Seite stehen. Arbeiter sind dagegen meist echte Macher, Spezialisten für Praktisches, die Theorie ist nicht ihr Milieu. Ein Klischee-Feuerwerk at it’s best, das natürlich nicht auf alle Arbeiter zutrifft, dennoch steckt ein kleiner Funken schmerzlicher Wahrheit in der intellektuellen Diskrepanz zwischen Arbeiter- und Akademikerfamilien.

Fuck it! Es irrt der Mensch, solange er strebt. Niemand weiß alles, vor allem nicht in seinen Zwanzigern. Und ist das Studium nicht genau dazu da seinen Wissenshorizont zu erweitern? Außerdem ist es auch ziemlich nice, seine eigenen Fähigkeiten und Recherchekompetenzen autodidaktisch weiterzuentwickeln. Arbeiterkinder sind ja schließlich Praxisgenies, so wie ihre Eltern. Lass dich nicht verunsichern, jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich.
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It’s a hard knock life
Das durchschnittliche Einkommen einer Arbeiterfamilie reicht für gewöhnlich nicht vollständig aus, um das Studium des cleveren Nachwuchses komplett zu finanzieren. Daher fällt Arbeiterkindern die Entscheidung gegen eine Ausbildung und für ein Studium im Angesicht der finanziellen Bredouille häufig schwer. BAföG könnte hier die perfekte Lösung sein. Je nach Einkommen der Eltern erhalten Studenten eine staatliche Förderung von monatlich bis zu 853 Euro. Dieser Betrag setzt sich jeweils zur Hälfte aus einem Zuschuss und einem zinslosen Darlehen zusammen. Das bedeutet, nur die Hälfte des Geldes muss nach Beendigung des Studiums zurückgezahlt werden. Klingt nach einem finanziellen Schlaraffenland. „Ehrlicherweise habe ich mich durch das BAföG ein bisschen unter Druck gesetzt gefühlt. Ich hatte Angst, dass ich mein Studium aus irgendeinem Grund nicht in der Regelstudienzeit schaffe oder dass das BAföG wegbrechen könnte. Meine Eltern unterstützen mich zwar finanziell und ich habe auch einen Nebenjob, aber ohne BAföG könnte ich höchstwahrscheinlich nicht dauerhaft finanziell von meiner Familie aufgefangen werden und müsste mein Studium abbrechen“, gesteht die 26-jährige Melina. Leistungsnachweise nach dem vierten Semester und die Einhaltung der Regelstudienzeit sind unter anderem Bedingungen, die an das BAföG gebunden sind und quasi einen reibungslosen Studienverlauf erzwingen. Und wenn dann sogar ein Praktikum zur scheinbar unüberwindbaren Hürde wird, tja, da wird Tocotronics „Kapitulation“ zur Hymne des Studiums. Denn wie überlebt man ein unbezahltes Praktikum von drei bis sechs Monaten? Wie wuppe ich ein Praktikum, ohne meine Regelstudienzeit zu gefährden? Aus diesem Grund können viele Arbeiterkinder am Ende ihrer Lehrreise keinerlei Praxiserfahrung vorweisen. Wird allerdings ein Pflichtpraktikum im Rahmen des Studiums gefordert, bedarf es dem Know-how eines ausgeklügelten Planungsstrategen sowie scharfsinnigen Survivalexperten als auch der Fähigkeit des zukunftsorientierten, intensiven Sparens für ein knallhartes Leben am Existenzminimum. Wer mag das nicht? Doch am Ende zahlt sich die Mühe, der Schweiß und das Blut aus. Hat man es doch aus eigener Antriebskraft vom Arbeiterkind in den Kosmos der Akademiker geschafft. Und wie unser liebster Goethe so schön sagte: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man was Schönes bauen“ – nämlich die selbstbestimmte Zukunft aus Mut, Zielstrebigkeit und starkem Durchhaltevermögen.

Text Denise Rosenthal
Fotos Ryan McGuire, Andrew Loke - StockSnap.io

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