Warum man als vermeintlich „ewiger Student“ der Leistungsgesellschaft
mal gekonnt den Mittelfinger zeigen sollte.
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Als ich 2010 den deutschen Film „13 Semester“ mit dem wunderbar poetischen Untertitel „Der frühe Vogel kann mich mal“ zum ersten Mal gesehen habe, lag mein Abitur noch zwei Jahre in der Zukunft. Dennoch hatte ich einen ganz klaren Plan, wie mein künftiges Studium verlaufen sollte. 13 Semester zu studieren wie Langzeitstudent Moritz in besagter deutscher Komödie lag mir fern. Man, wie habe ich mich getäuscht! Sechseinhalb Jahre später habe ich, nachdem ich 2012 zum ersten Mal einen Fuß in eine Universität gesetzt habe, meinen Bachelor of Arts in Medienwissenschaften abgeschlossen. Jaja, ich spüre förmlich beim Schreiben dieser Zeilen die Verurteilung, die Verachtung, das Kopfschütteln. Was hat sie bloß die ganze Zeit gemacht? Tja, ich habe sie für mich genutzt, herausgefunden was ich vom Leben will, mich persönlich und beruflich weiterentwickelt … und einmal den Studiengang gewechselt.
Ich habe „Irgendwas mit Medien“ für mich konkretisiert, indem ich in einem Nebenjob als Digital Native auf einen Streifzug durch die sozialen Netzwerke ging, Praktika absolvierte, mich ehrenamtlich in Vereinen engagierte und einen eigenen Blog führte. Ich nutzte aus, was die Uni mir zu bieten hatte. Ich lernte neue Sprachen und erkundete die Welt. Natürlich feierte ich auch bis in die Morgenstunden, genoss die Zeit als Studentin in vollen Zügen und schuf ganz nebenbei fabelhafte Erinnerungen mit meinen Kommilitonen. Aber ich tat eben auch stets etwas, um vom und fürs Leben zu lernen. Und genau darin liegt der Unterschied zu dem vorurteilsbeladenen Bild vom Klischee-Langzeitstudenten. Ich chillte nicht bloß mein Leben, wie es uns Studenten so oft vorgeworfen wird, sondern sammelte in meiner Studienzeit einen riesen Batzen an Lebenserfahrung, schnupperte in verschiedene Jobs hinein und lernte mich neu kennen. All das wäre nicht möglich gewesen, hätte ich mein Studium in sechs Semestern abgeschlossen. Dann hätte ich zwar schnell meinen akademischen Abschluss in der Tasche gehabt, aber das Erfolgsrezept für das Berufsleben ist der nun mal schon lange nicht mehr – und für ein glückliches Leben erst recht nicht.
Realitätscheck – Das Studium ist kein Wettrennen
Um es also zu vermeiden, wie einige meiner Vorzeigekommilitonen nach der Regelstudienzeit ohne Job dazustehen, weil ihnen mit Anfang 20 eben die erwartete Berufs- und Lebenserfahrung eines End-Zwanzigers fehlt, sollte man der Realität ins Auge blicken. Der Tag hat nur 24 Stunden und das Jahr zwölf Monate. Es ist unmöglich Nebenjobs, Praktika, Vorlesungen, Lebens- und Berufserfahrung, die eigene Persönlichkeit, Hobbies, Freunde, Familie und Beziehungen, Reisen sowie ein paar Club-Hoppings hier und ein paar gepflegte Netflix-Sessions da in sechs Semester zu quetschen. Alles hat und braucht eben seine Zeit. Es empfiehlt sich also der gediegenen Leistungsgesellschaft mal gepflegt den Mittelfinger zu zeigen und statt Panik die ein oder andere Klausur zu schieben. Denn aufgeschoben ist nun einmal nicht aufgehoben. Wir sollten nicht durch unser Leben hetzen, nur um andere zufrieden zu stellen. Wir sollten unsere 20er nicht an diejenigen verschwenden, die es uns sowieso nicht danken werden. Wir sollten nicht auf Abenteuer, Erinnerungen und auf das, was uns wirklich am Herzen liegt, verzichten, nur um mit 70 Jahren erschöpft vom lebenslangen Leistungsdruck zu denken: „Hätte ich doch mal das Auslandssemester in Südamerika gemacht“, „Hätte ich doch mal das Gap Year in Australien gemacht“, „Hätte ich doch mal mehr für unsere Umwelt gemacht“ oder ganz simpel: „Hätte ich mich doch einfach mal nicht so gestresst!“

Tja, hätte, hätte, Fahrradkette. Irgendwann ist es einfach zu spät. Und wer möchte schon als Rentner in einem Schaukelstuhl auf einer Veranda sitzen und sein Leben bereuen? Deshalb habe ich während meines Studiums stets auf den Rat eines sehr, sehr weisen Ex-Kollegen gehört:

„Studiere so lange du kannst, Arbeiten wirst du noch dein ganzes Leben lang“

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Diese magischen Worte verfolgten mich und meinen engsten Kommilitonen-Kreis das ganze Studium über. So brachte es meine Mitstudentin Steffi vor wenigen Wochen, bei einem gepflegten Bier vor der Braunschweiger Haifischbar gekonnt direkt auf den Punkt: „Let’s face it – ich muss während meines Studiums drei Jobs nachgehen, damit ich über die Runden komme. Jetzt habe ich noch die Möglichkeit meinen unterschiedlichen Interessen nachzugehen, denn guess what, ich habe auch welche außerhalb meines Studiums. Ich kann mich gesellschaftlich und politisch engagieren. Als Person bin ich viel gefestigter als vor zwei Jahren. Uni ist schon elitär und die Arbeitswelt spießig genug, da darf ich jetzt auch noch unter der Woche bis sechs Uhr morgens trinken gehen.“

Wer sich mit diesen Worten abgeholt fühlt, sollte beim nächsten Mal auf die Frage in welchem Semester man sei, stolz mit der wahren Anzahl rausrücken, anstatt peinlich berührt auszuweichen. Gönnt euch ein Bier, durchzecht die Nacht, bringt das Semester-Ticket ordentlich zum Glühen, lernt fürs Leben und macht euch die Welt widdewidde wie sie euch gefällt.

Text Mariska Neuwirth
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