Was du als Neu-Braunschweiger tun und lassen solltest, zeigt dieser Guide. Wo liegt West-Peine? Was bedeutet ‚Gorke‘? Welcher Ort eignet sich am besten zum Wohnen und weswegen den ergatterten Sitzplatz im Audimax mit dem Leben verteidigen? Campus-Kennerin Kristin Schaper klärt auf.
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1. Ich bin deine Stadt, dein Braunschweig. Du sollst kein West-Peine haben neben mir:
Dies ist das erste und höchste Gebot. Beide Städte verbindet nur eines: Eine ewig andauernde Erzfeindschaft, die selbst den Dreißigjährigen Krieg in den Schatten stellt. Es handelt sich um eine Rivalität mit Tradition, auf beiden Seiten. Weshalb, weiß keiner so genau. Mythen behaupten, Hannover hätte Braunschweig im 17. Jahrhundert aufgrund der Industrialisierung als Regionalmacht abgelöst. Zu allem Übel sei West-Peine nach dem Zweiten Weltkrieg zur Landeshauptstadt aufgestiegen. Seitdem unterliegen beide Städte einem erbitterten Konkurrenzkampf, dessen Provokationen bis aufs Blut gehen. Wie sollte es auch anders sein, befeuerte Fußball diesen Wettstreit zusätzlich, als der DFB die Löwen im Gegensatz zu „95+1“ zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga zählte. Um der Gefahr, gesteinigt zu werden, aus dem Weg zu gehen, sollte das Herz besser Blau-Gelb schlagen und Hannover als Heimat verleugnet werden. In solchen Fällen ist falsch Zeugnis ablegen erwünscht.

2. Du sollst den Namen des Löwen nicht missbrauchen:
Mit wallender Mähne und geschmeidigem Gang ist das zweitgrößte Landraubtier göttlich anmutend: Der Löwe, der euer neues Lieblingstier sein sollte. Wollt ihr euch als Braunschweiger integrieren, ist das Wahrzeichen der Stadt unantastbar.

3. Du sollst dein Wolters heiligen:
Beck’s? Dieses liebliche Gebräu für Kinder, die zum ersten Mal in ihrem Leben Bier trinken? Da müssen echte Braunschweiger würgen. Ganz zu schweigen von Herri, dem puren Gift aus West-Peine. In Braunschweig wird Wolters getrunken, nichts anderes!

4. Du sollst dein Fahrrad ehren:
„Ich komme immer pünktlich. Baustellen behindern niemals den Verkehr und Busse sowie Bahnen fahren alle fünf Minuten – und das selbst nach Mitternacht.“ Dieser Satz stammt sicherlich nicht von Studierenden aus der Stadt an der Oker. In Braunschweig ist es ungewiss, wann und ob überhaupt das Ziel erreicht wird. Wie häufig ich schon meinen Zug verpasst, in der Buchhandlung, einem der unzähligen Läden im Bahnhof (... nicht!) gewartet, Literatur durchstöbert und nie einen Roman gekauft habe? Ich weiß es nicht. Hausverbot habe ich dort jedenfalls noch nicht, dafür kann ich die Bestsellerlisten auswendig. Abends, wenn die Bordsteine in Braunschweig hochgeklappt werden, fängt der Spaß erst richtig an: Bereits ab circa 21 Uhr muss der Fahrplan von öffentlichen Verkehrsmitteln im Hinterkopf behalten werden, ansonsten: Viel Spaß beim Latschen quer durch die Stadt. Nach dem Feiern ist das schon gar nicht erfreulich. Da ist das Fahrrad die bessere Alternative.

5. Du sollst nicht begehren deines Braunschweigs Weststadt:
Zunächst, Gratulation zur Wahl eures Studienortes: Wir wussten es natürlich schon immer, aber dass es sich in Braunschweig im Vergleich zu anderen niedersächsischen Städten am besten leben lässt, bestätigte in diesem Jahr auch eine ZDF-Studie zu den Lebensverhältnissen in Deutschland. Die Wissenschaftler bezogen sich dabei auf amtliche Statistiken und ausgewertete Daten über Gesundheit, Wohnen, Arbeit, Sicherheit, Freizeit oder Versorgung. Fun Fact: West-Peine schaffte es nicht unter die Top Ten – und das trotz der von Plattenbauten dominierten, unansehnlichen Braunschweiger Weststadt mit durch Toilettenpapier verzierten Bäumen und dezentem Ghetto-Ruf. Empfehlenswertere Wohngebiete wie das ländliche Riddagshausen oder das zentrale Östliche Ringgebiet mit dem Prinzenpark für alle, die es etwas spießgier mögen, glichen dieses Defizit offensichtlich aus. Wunderbar leitet das Thema „Wohngegend“ auch schon zu Gebot Nummer 6 über.
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6. Du sollst nicht in eine Studentenverbindung ziehen:
Auf Plattformen wie WG-Gesucht tarnen sie sich als normale Wohngemeinschaften, sie fallen durch ihre Vielzahl an blauen Männchen und einer günstigen Miete von unter 140 Euro im Monat auf, sie suchen häufig ausschließlich männliche Mitbewohner: Die Rede ist von Studentenverbindungen. Auf die Gefahr hin, hasserfüllte Kommentare von ihren Verfechtern zu ernten, bin ich dazu verpflichtet, naive Erstis auf die urbane Dichte dieser rund um den TU-Campus hinzuweisen. Selbstverständlich bleibt es jedem selbst überlassen, ob er eine Verpflichtung, einen Bund fürs Leben eingehen will, indem er noch als „Alter Herr“ für die Verbindung zahlt und sich während seines Studiums strengen Regeln und Hierarchien unterwirft. Scheinbar ist nicht die Ehe die letzte legale Form der Sklaverei. Da ziehe ich lieber in den Affenfelsen vor der Sanierung, das damals abgestandenste Studentenwohnheim schlechthin.

7. Du sollst nicht mit der Feuerzangenbowle-Tradition brechen:
Alle Studierenden sollten die Geschichte über den, in seiner Jugend lediglich privat unterrichteten, Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer, der sich nach einer Runde Feuerzangenbowle mit Freunden dazu entschließt, erneut die Schulbank zu drücken, auswendig im Schlaf herunterbeten können. Mit Taschenlampe, Glühwein und Lebkuchen gewappnet, ist es Tradition, mindestens einmal während des Studiums zur Weihnachtszeit die „Feuerzangenbowle“ im Unikino zu erleben.

8. Du sollst nicht falsch Braunschweigern:
Möchtest du nicht als zugezogen entlarvt werden, zähme den logopädischen Deutschstreber in dir. In der Löwenstadt werden beispielsweise „Gorken“ und „Köaschen“ am „Tüsch“ – Gurken und Kirschen am Tisch – gegessen.

9. Du sollst nicht begehren deines Braunschweigs Bahnhof und Audimax:
Die Problemzone Bahnhof hatten wir ja bereits thematisiert. Nicht nur, dass er kaum Geschäfte beherbergt und ab vom Schuss liegt, so sieht er auch noch aus wie ein billiger und verfallener Möchtegernabklatsch des Dogenpalastes in Venedig. Das meinte zumindest einer meiner Dozenten mal. Der Hauptbahnhof könnte sich jetzt geschmeichelt fühlen, mit einem Palast verglichen zu werden. Allerdings fand mein Dozent den Dogenpalast abstoßend. Die Braunschweiger lieben ihren Bahnhof offensichtlich nicht. Schlimmer noch sind die Gefühle Studierender gegenüber dem Audimax. Einerseits wegen der mangelnden technischen Ausstattung des renovierungsbedürftigen Klotzes und andererseits aufgrund des Zustands der Sitze, die sich nicht richtig herunterklappen lassen, teilweise sogar komplett aus ihrer Verankerung gerissen sind. Die Emotionen kochen so richtig hoch, wenn sich der Saal füllt, durchgerutscht werden muss, und man letztlich auf einem durchhängenden Sitz endet, bei dem ständiges Herunterrutschen unvermeidlich bleibt. Die Dozenten wundern sich über die Durchfallquoten, obwohl das Problem der fehlenden Konzentration auf der Hand liegt – und nein: Es sind nicht die Smartphones und die durchzechten Nächte.

10. Du sollst nicht braunschweiglästern:
Das alles hat einen negativen Beigeschmack und kommt schwer und flau in der Magengegend an. Dabei hat Braunschweig so viel mehr zu bieten als den „Dogenpalast“ wie beispielsweise Mandel Meier, das Sommerkino, sämtliche grüne Parks, Schloss Richmond, das Teich- und Naturschutzgebiet Riddagshausen, das historische Magniviertel sowie das Schrill, einen alternativen Treffpunkt für Studierende. Und nicht zu vergessen den Schoduvel. Ja richtig, Braunschweig gilt als Karnevalhauptstadt Norddeutschlands. Außerdem haben wir hier Bosse und Jägermeister. Gut, okay … Eigentlich hat Wolfenbüttel Bosse und Jägermeister. Aber Wolfenbüttel ist ja auch schon fast Braunschweig.

Text Kristin Schaper
Fotos Kristin Schaper, Adrian Winkelmann, Robert Wiebusch, Simon Henke

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