Die Stadt, der Hip-Hop und der ganze Rest | Ein Braunschweiger Urgestein ist undercover. Als regionaler Veranstalter sorgt die Agentur dafür, dass Konzerte und andere Events einen festen Platz in der Stadt bekommen. Sie holt große und kleine Stars in die Löwenstadt und fördert Showcases unbekannterer Bands. Mit Michael Schacke und Axel Horn, der Doppelspitze des Unternehmens, haben wir uns auf einen Kaffee getroffen.

Was verbindet euch mit der SUBWAY?

Axel  Die vielen Cover meiner alten Band Such A Surge!

Michael Als wir die Firma 1991 gegründet haben, da war SUBWAY aus meiner Sicht das angesagteste Stadtmagazin. Es hat eine hohe Relevanz gehabt, weil die Szene und die Musik dort gut beleuchtet wurden. Christian Göttner hat versucht, sehr fundierten Journalismus für das Monatsmagazin zu machen. Er ist ein großer Musikliebhaber und -kenner. Das haben wir natürlich unterstützt und wir als Firma haben das SUBWAY auch genutzt, um Anzeigen zu schalten und unsere Konzerte zu promoten. Und wir haben es selbstverständlich gelesen. Wir haben uns auch immer gefreut, wenn wir selbst mit einer Band aufgetaucht sind, nicht gegen Anzeigenkauf, sondern wenn es relevant war.


Axel Für uns als Musiker war es DAS Magazin. Es war der Traum dort mal drin zu sein. Man konnte auf dem Schulhof damit angeben und sagen: „So, jetzt habe ich es geschafft!“. (lacht) Das war ein Ritterschlag. Durch die Musik haben wir Christian Göttner kennengelernt, der  Such A Surge und die damalige ganze Szene um den Braunschweiger Hip-Hop viel supportet hat. Circa 1994 gab es mal einen Bericht über uns, für den Christian mit uns ein paar Tage auf Europatour war. Damals waren wir als Vorband von Dog Eat Dog unterwegs. Das war dann neben  der Bekanntschaft  der Beginn unserer Freundschaft. Die SUBWAY war ein langer, langer Wegbegleiter und Christian ist noch heute ein guter Freund.
Es ist immer schön, wenn  man  sich über eine lange Zeit begleitet und gegenseitig hilft. Die SUBWAY war für uns am Anfang  da, um in Braunschweig bekannter zu werden. Wir wiederum haben als Surge damals bereits gemeinsam mit undercover der SUBWAY geholfen, das 15-jährige Jubiläum in der Volkswagen Halle auszurichten.

Und wie ist es, sich auf dem Titelbild zu sehen?

Michael Komm, das war schon toll, mit seiner eigenen Band auf einem Titelbild zu sein, du mit Such A Surge und ich mit Royal M Parade.

Axel Ja, und die erste Platte bedeutet einem am meisten, die erste Tournee bedeutet einem am meisten, so ist es ja immer. Das Weihnachtsmann-Titelbild mit State Of Departmentz und Matthias Lanzer von Rap Nation, heute monofon, war demnach etwas ganz Besonderes. Das ist geil, da findet man sich als junger Mucker schon mal eine Sekunde ganz gut. (lacht) Es war schon schön, in der Region diese vielen Titelbilder zu haben, weil man dadurch  auch gesehen hat, wie lange wir dabei waren und was wir in der Region überhaupt hinterlassen haben. Darum ist es für uns auch schön, dass Aki Bosse jetzt immer mal wieder  auf dem Titel war beziehungsweise ist.  Ich kenne ihn seit der Kindheit, er hat für Surge eine Zeit lang auf unseren Konzerten unsere Shirts verkauft, später war er dann mit Bosse hier und da Vorband und nun hat er den Staffelstab so etwas übernommen, naja, er ist sogar wesentlich  erfolgreicher als wir es je waren, dennoch ist das ja ganz gut für uns alle gelaufen. (lacht)

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Und das gab es bis heute wirklich nicht mehr, dass Braunschweig so extrem für eine Szene auf einer musikalischen Landkarte war. Für den deutschen Hip-Hop war Braunschweig von Bedeutung, auch wenn die Heidelberger sagen würden: „Oh mein Gott, nein, das waren die Kommerzärsche, weil der wahre Hip-Hop natürlich aus Heidelberg kommt“. Und für den sogenannten Crossover waren wir wohl wiederum ab 1994 sehr von Bedeutung.

Axel Horn

Gibt es einen Braunschweig-Sound?

Michael Axel, ich glaube, in der Phase, als ihr unterwegs gewesen seid, kam innerhalb von drei, vier Jahren viel Output aus Braunschweig und das genau zur richtigen Zeit. Das fing irgendwo mit euch und State Of Departmentz an, wurde durch Phase V und MC Rene erweitert und später kamen dann populärorientierte Künstler wie Cappuccino hinzu. Da war zu einer bestimmten Zeit in dieser Stadt in einem bestimmten Genre sehr viel Bewegung. Da war Reibung, Miteinander, Gegeneinander und es wurde viel gearbeitet.

Axel Die Stadt hatte keine eigene Färbung in der Hip-Hop-Szene, aber sie gehörte damals zwischen 1992 und 1994 zu den Hauptstädten des deutschen Hip-Hops. Ebenso wie Heidelberg, Hamburg und Stuttgart. Es ist ja nicht umsonst, dass die Beginner aktuell auf ihrem Album eine Songtextzeile haben, in der sie singen, „Da fuhren wir von Hamburg über Braunschweig nach München“. Und das gab es bis heute wirklich nicht mehr, dass Braunschweig so extrem für eine Szene auf einer musikalischen Landkarte war. Für den deutschen Hip-Hop war Braunschweig von Bedeutung, auch wenn die Heidelberger sagen würden: „Oh mein Gott, nein, das waren die Kommerzärsche, weil der wahre Hip-Hop natürlich aus Heidelberg kommt“. Und für den sogenannten Crossover waren wir wohl wiederum ab 1994 sehr von Bedeutung.

Michael 1988, 1989 als ich nach Braunschweig kam, war Musikmachen ein richtig großes Thema in der Stadt. Es gab unterschiedlichste Bands verschiedener Genres und eine ausgeprägte Independent-Szene. Aus heutiger Sicht denke ich, dass die Stadt am ehesten in der Phase um Such A Surge auf der Höhe der Zeit war.

Wie ist das heute mit den Musikern, insbesondere mit jungen Bands, in Braunschweig?

Axel Bands wird es immer geben und es ist wichtig, dass ihr sie unterstützt so wie das SUBWAY uns auch damals unterstützt hat. In all den Jahren gab es ­immer Bands aus Braunschweig und es geht nicht darum, ob Bands erfolgreich werden, sondern dass Menschen die Liebe zur Musik haben und spielen. Das hat in den Übungsräumen, ob im B58 oder dem Schimmelhof, auch immer stattgefunden und wird hoffentlich immer stattfinden, weil der Trieb zur Musik da ist.

Michael Wenn man heute durchzählen würde, wie viele Bands im Alter von 15 bis 25 Jahren hier in Proberäumen unterwegs sind, würde ich denken, dass es weniger sind als damals. Ich vermute, die Tendenz geht zum Produzierten. Mit einem Master-Keyboard, einem Rechner und ein wenig mehr Equipment kann man heute allein oder mit anderen Songs und Sounds völlig eigenständig entwickeln. Die jungen Künstler können so sehr kreativ sein und es wäre interessant zu wissen, wer da in Braunschweig alles vor sich hin bastelt, aber nicht unbedingt einen Proberaum braucht, sondern einfach vielleicht mit einem Kumpel zusammen am Rechner sitzt. Wenn man das mitzählt, sind es wahrscheinlich mehr Künstler als früher.

Axel Ja, genau! Weniger Bands, aber mehr Menschen, die Musik machen.


Welche Musik würdet ihr heute machen?

Axel Eine geile Frage! Die habe ich mir noch nicht gestellt. (überlegt)

Michael Wenn ich heute noch mal Musik machen würde, heute in meinem Alter, dann wäre es wahrscheinlich am Ende härter als früher. Ich wäre wütender.

Axel Ach, echt? Krass!

Michael Ja, ich bin mir nicht sicher, ob es auf Deutsch wäre. Es wäre wohl wütender als vieles, was da draußen gerade zu hören ist. Kunst darf Haltung haben.

Axel (lacht) Also, ich finde es super, was du gesagt hast, also das mit den wütenden Texten. Heute sagen viel zu Wenige, was los ist. Das hat in den letzten Jahrzehnten scheinbar abgenommen. Ich komme ja aus einer Band, die immer relativ viel gesagt hat, sodass ich nicht unbedingt den Wunsch hätte, heute noch viel textlich auszudrücken, aber wenn ich so drüber nachdenke … Ich würde deine Ausführung unterstreichen: Man muss gerade heutzutage was sagen. So!

Michael Vielleicht aus einer blöden, arroganten Altersreife heraus – textlich aufs Maul hauen und immer ein bisschen rechthaberisch bleiben.

Axel Wie ich mein Herz kenne, würde es immer noch schreien, harte Musik wie Hardcore, Punk beziehungsweise Rock ’n’ Roll zu spielen. Obwohl ich zu Zeiten von Such A Surge und in den letzten Jahren immer gesagt habe, dass ich für eine Alters-Obergrenze bei diesen Musikrichtungen bin, da es Musikrichtungen sind, die sehr von Aggression, Wut oder Druck gesteuert werden. Ab einem gewissen Alter hat man das vielleicht eher weniger bis gar nicht mehr. Im Alter würde ich weichere Musik machen, so etwas wie Blues. 

Michael So etwas würde ich auch machen, aber mit 70. (lacht)

Axel Wenn ich ein Kid wäre, würde ich wohl anfangen zu rappen, konnte ich nie, finde es aber super, bin aber kein Kid mehr … aber ganz im Ernst, ich war immer ganz zufrieden mit der Mucke von Surge, da es mir schon sehr entsprach. (lacht)

Kunst darf Haltung haben.

Michael Schacke
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Und wie würden eure Bands heute heißen?

Michael Meine würde ganz sicher auf keinen Fall Royal M Parade heißen.

Axel Wisst ihr eigentlich, wie schwierig es ist, einen Bandnamen zu finden? Das ist eine der größten Herausforderungen aller Bands. Ich kann euch nicht mal mehr sagen, wie der Name „Such A Surge“ überhaupt entstanden ist. (lacht) Bei Bandnamen verbringen viele   lange Zeit damit, sich einen auszudenken. Wenn wir den jetzt gerade im Ärmel hätten, sollten wir wieder Musik machen.


Undercover ist 25 Jahre geworden. Was waren die größten Meilensteine?

Michael Die Gründung. Die war wichtig. Dann das Desaster mit dem Ärzte-Open-Air 1994. Das war fantastisch. Da haben wir eine Menge Geld verloren. Dann auf jeden Fall, dass wir nach zehn Jahren angefangen haben, auch Tourneen zu buchen. Wiederum ein paar Jahre später haben wir unsere eigenen Produktionen gestartet, also Pop Meets Classic oder später das mit der monofon GmbH zusammen gestaltete Wintertheater. Silbermond sind natürlich auch ein ganz, ganz wichtiger Meilenstein für uns. Begonnen hat es mit Booking, seit einigen Jahren bin ich nun auch als Manager der Band tätig.
Aber zu den Meilensteinen gehören sicherlich auch unsere bisherigen „Umzüge“ mit undercover. Angefangen haben wir in unserer WG, dann sind wir in unser erstes eigenes Büro in die Celler Straße gezogen. Als wir weiter wuchsen, sind wir raus aufs Dorf nach Wense bei Wendeburg. Dort haben wir uns die alte Dorfschule gemietet, die war groß und günstig. In dieser Dorfschule sind wir auf 12 oder 13 Mitarbeiter gewachsen und dann wurde es auch da zu eng. Wir wollten zurück nach Braunschweig. Da die Stadt zu dieser Zeit kaum interessante Flächen oder Räume für Kreativagenturen zu bieten hatte, haben wir nach einer Weile gesagt, „Wir bauen uns ein Haus!“ Als wir hier am Waller See in Schwülper gebaut haben, waren wir die Einzigen. Das ist gut zehn Jahre her.
Ein weiterer Meilenstein, der auf eine bestimmte Person bezogen ist, ist, dass mein Partner Dirk Wink-Hartmann, mit dem ich undercover gegründet habe, vor einigen Jahren aus privaten Gründen aus der Firma ausgestiegen ist. Nach längerer Zeit habe ich mich dann entschieden, wieder einen zweiten Geschäftsführer dabeizuhaben und das ist nun Axel. Wir sind besser zu zweit als beide alleine. 

Axel Ich bin ja nunmal „erst“ seit zehn Jahren in der Firma, kann also nicht viel über die komplette Zeit sagen. Ich denke, dass die Zusammenarbeit mit Bosse mittlerweile ein weiterer Meilenstein für uns ist. Wir haben uns auch getraut, ein Management-Mandat für das Comeback von Silly aufzunehmen. Das war für uns eine ganz wesentliche und wichtige Aufgabe.
So ist undercover richtig zum Management gekommen, ich hatte vor undercover bereits Surge und verschiedene Themen gemanagt.
Ein weiterer wichtiger Meilenstein war, dass wir angefangen haben, auszubilden. Wir sind ein Ausbildungsbetrieb der ersten Stunde für den Beruf des Veranstaltungskaufmanns. Eigentlich gibt es in jedem Jahr einen neuen Azubi und viele davon arbeiten heute noch hier. 


Gibt es Künstler, die ihr gern nach Braunschweig holen würdet?  

Michael Ja! Aber die meisten sind tot. (lacht)

Axel Die wird es immer geben.

Michael Guckt euch ein Festival an, egal welches, und wenn man da einen Teil des Line-ups hier hätte, wäre das schon richtig cool. 


Axel Wir freuen uns, dass wir die Broilers mal wieder hier haben oder die Beginner da waren, aber wann waren die zuletzt hier? Das ist lange her. Aber Braunschweig ist nun mal Braunschweig. In größeren  Städten ist das deutlich leichter. Wir arbeiten immer daran, möglichst viele tolle Sachen an Land zu ziehen.

Mit den Shows im Eulenglück oder in der KaufBar versucht ihr, eine musikalische Club-Szene in Braunschweig zu installieren. Wie läuft das?

Michael Ja, das wird gut angenommen, aber wie es in dieser Indie-Szene nun einmal ist: bei dem einen Konzert kommen fünf Leute, beim nächsten dann 100, beim anderen 200. Die wenigsten Bands fallen auf den Planeten und spielen schon direkt vor 500 Personen.

Axel Es gibt aber auch Künstler, die wenig Leute ansprechen, jedoch eine hohe Relevanz haben, weil sie künstlerisch total wertvoll sind, auch wenn sich den Scheiß keiner anhören will. Man kann nicht immer nach der Gleichung gehen: „Wenn viele Leute kommen, ist die Band gut“. Dann wäre wohl Helene Fischer die beste deutsche Künstlerin. Es gibt die Korrelation nicht. Und es gibt durchaus eine Korrelation zwischen „schlecht besucht“ und „guter Musik“. Es ist vor allem ein kultureller Auftrag, eine Plattform zu bieten, weil es für die Gesellschaft wichtig ist. Wir sind hier immerhin in einer Studentenstadt und was ist eine Studentenstadt ohne Sub-Kultur?

Über welche Kanäle entdeckt ihr derzeit neue Musik?

Michael Für mich ist das Netz eine super Quelle und natürlich damit auch die  Streamingdienste und YouTube. Ich stöbere ab und zu in Plattenläden herum. Und von meinen beiden Jungs bekomme ich viel mit.

Axel Ich freue mich drauf, wenn meine Tochter in dem Alter deiner Jungs ist. Sie ist aktuell zehn und ich bekomme von ihr mit, was da auf dem Schulhof gehört wird und das ist dann eher Musik, mit der ich nicht so glücklich bin. Sie hört aber auch gern deutschen Hip-Hop, das ist wohl die Prägung des Vaters. (lacht) Früher, als es das Internet noch nicht gab, da kam das hauptsächlich durch den Freundeskreis. Man saß zusammen auf dem Sofa und hat sich ausgetauscht. Das vermisse ich heute ein wenig, das kommt durch das Alter und weil man nicht mehr so häufig mit den Homies auf dem Sofa sitzt. (lacht)

Michael Ich würde auch sagen, dass du da ein bisschen zu viel gehangen hast. (lacht)

Axel Ich verwehre mich eigentlich gegen die Streamingdienste, muss aber wohl anfangen, dort kann man viel entdecken. Ich kaufe trotzdem lieber Schallplatten.

Michael Bei Spotify wird in zehn Jahren hauptsächlich Mainstream laufen, davon gehe ich aus. Andererseits ist für den etwas feinfühligeren Musikliebhaber ein Streamingportal eine unerschöpfliche Quelle. Wenn ich das als Kind gehabt hätte, ich wäre vor Freude durchgedreht.


Was wünscht ihr der SUBWAY?

Axel Bleibt weiter an der Zeit und lebt diese Braunschweiger Institution weiter. Ich freue mich, dass die SUBWAY trotz des Inhaberwechsels erhalten geblieben ist. Steht auch weiterhin neuen Themen immer offen gegenüber und verschenkt vielleicht auch mal eine Anzeige an eine junge Band oder packt sie gleich aufs Cover. (lacht)

Michael Ein monatliches, regionales, kostenfreies Printmagazin für junge Leute hat es nicht leicht heutzutage. Das liegt am Thema „Printmedium“. Ich finde es super, wenn es Leute wie euch gibt, die sagen, wir gehen da ran, auch wenn es nicht einfach ist.

Axel Ihr müsst euren Platz finden. Ihr habt ein etabliertes Medium mit Namen und den müsst ihr jetzt wieder schön füllen. Ich wünsche mir, dass wir dann in zehn Jahren auch wieder über das 40-Jährige sprechen können. Als junger Mensch auf dem Schulhof war es damals DAS Magazin und es ist schön, dass es so lange Bestand hat.

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Interview Kathleen Kalle
Fotos Evelyn Waldt

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