Ein Kino-Interview | Frank Oppermann ist Leiter des größten Braunschweiger Kinos. Früher Cinemaxx, heute als C1 Cinema werden die acht Leinwände regelmäßig mit den großen Blockbustern und auch gern mal mit kleinen Filmen bespielt. Regelmäßig halten Opern, Dramen und sogar der „Tatort“ Einzug ins Kino. Im Gespräch erzählt uns Filmliebhaber Oppermann, wie er die Lage des deutschen Films einschätzt und was das Kino der Zukunft bringen könnte.

Was verbindet Sie mit der SUBWAY?
Es ist eine lange Geschichte mit viel Auf und Ab. Natürlich auch immer verbunden mit den Menschen, die da gekommen und gegangen sind. Am Anfang war es eine komplett andere Zeit, es gab ja noch kein Internet. Die stärkste Medien-Konkurrenz war damals die Braunschweiger Zeitung. SUBWAY gehört zu den Medien, die sich jahrelang konstant gehalten haben und versucht haben, den alternativen und jüngeren Markt abzudecken. Das war für uns eine super Plattform. Es hat sich mit der Zeit extrem gewandelt. Logischerweise, schließlich haben sich die Medien extrem gewandelt.

Seit 1987 hat sich die Braunschweigische Kinolandschaft mehrfach verändert. Was waren die größten Meilensteine?
Vor allem mit dem Cinemaxx hat sich die ganze Kinolandschaft verändert. Aber es gab ein Leben vor dem Cinemaxx, es waren deutlich mehr Kinos hier. Ich habe zu einer Zeit 18 oder 19 Leinwände bespielt. Es gab das Gloria Hansa, Schloss, Scala, City, Broadway, Lupe und das Universum. Die Leinwände waren damals kleiner. Die wären heute im Beamer-Format. Das Scala war eben ein kleines Kino mit niedriger Decke. Heute ist unten im Sternhaus ein Modegeschäft. Man kann sogar noch ein paar Reste des alten Kinos unter dem Umbau erkennen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des deutschen Films ein?
Wenn man von Zuschauerrelevanz spricht, dann steht die Komödie klar im Vordergrund. Es gibt genügend andere deutsche Filme, die teilweise in keinem Kino und auf keinem Festival laufen. Die verschwinden einfach, tauchen vielleicht noch mal in einem Dritten Programm auf. Das ist eine bittere Geschichte. Die Dinge, die wir ausprobiert haben, wie etwa „Berlin Falling“, den wir hier im Sommer gezeigt haben, finden wenig Publikum. Für Braunschweig war der Film noch gut besucht. Aber ansonsten hatte er leider gar keine Präsenz. Das ist schon echt schade. Ich weiß nicht, woran es im Detail liegt. Ein wenig liegt das an diesen ewig monierten Strukturen, die es in Deutschland gibt. Jedes Bundesland hat seine eigene Filmförderung und dazu kommt eine Bundesfilmförderung. In den USA gibt es das gar nicht, da gibt es die Produzenten und Studios. Da werden die Filme nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten kalkuliert. Ein ganz anderes System. Bei uns kommt fast kein Film ohne Fördergelder aus. Dadurch müssen die Filmemacher Kompromisse eingehen. Das fängt bei den Drehorten an: Zum Beispiel, wenn Förderung aus Nordrhein-Westfalen kommt, dann muss auch dort gedreht werden und es findet dort auch eine Premiere statt. Die Förderer haben auch gewissen Einfluss auf die Drehbücher – das bringt Konflikte mit sich. Ein anderes Problem ist natürlich die Abhängigkeit vom Zuschauer, denn in den letzten Jahren wurden fast nur Komödien akzeptiert.
Der neue deutsche Film ist damals aus der Studentenbewegung entstanden, da gab es eine andere Aufmerksamkeit. Da waren Größen, wie Wim Wenders oder Werner Herzog, die haben Leute ins Kino geholt. Wenn heute ein Film von Wim Wenders in Kino kommt, dann nicken fast alle Kinobetreiber ab und meinen, „Den brauche ich gar nicht zu zeigen, da geht keiner rein.“ Wobei die Filme nicht schlecht sind – aber die Risikobereitschaft der deutschen Zuschauer ist weniger geworden. In Frankreich ist es ganz anders. Der französische Kinogänger guckt zu 50 Prozent französische Filme. In Deutschland, in einem guten Jahr, wenn zum Beispiel „Fack ju Göhte“ läuft, liegt der Besucheranteil an deutschen Produktionen gerade einmal bei 25 bis 28 Prozent. Dabei suchen die Zuschauer deutsche Filme und auch unser Kino ist nur dann erfolgreich, wenn wir erfolgreiche deutsche Filme haben.

Ist Braunschweig eine Filmstadt?
(lacht) Nein, überhaupt nicht. Leider! Das hat viele Gründe. Und auch wenn das Filmfest erfolgreich ist, reicht es noch nicht für eine Filmstadt. Wir haben nur noch zehn Leinwände in Braunschweig. Viel mehr verkraftet die Stadt nicht. Der durchschnittliche Kinobesuch liegt bei weniger als drei Besuchen im Jahr – das ist unteres Mittelfeld. Es ist deutlich unter dem Durchschnitt vergleichbarer Städte. Die meisten haben wenigstens 20 Leinwände auf die Kinos verteilt. Mit nur zehn Leinwänden ist das Programmangebot auch sehr eingeschränkt.

Wie ist das Kinopublikum in Braunschweig zusammengesetzt?
Ich habe manchmal den Eindruck, vielleicht, weil wir das unbewusst auch fördern, dass Braunschweiger für skurrilen Humor zu haben sind. Jetzt nicht unbedingt Wes Anderson, das ist schon sehr speziell. Es gibt eben so sonderbare Dinge, die hier richtig gut funktionieren. Das kann man nicht wirklich greifen. Zum Beispiel lief „Guardians of the Galaxy“, beide Teile in Braunschweig besser als in der Gesamtbranche in Deutschland.

Was halten Sie von diesem Serienboom, hat der dem Kino etwas an Publikum  weggenommen?
Klar, wie die meisten neuen Medien. Angefangen von der VHS-Kassette. Diese ganzen Trends habe ich miterlebt und natürlich nehmen die einen Teil des Kinopublikums weg, zumindest über einen gewissen Zeitraum. Aber das Schöne ist, am Ende zählt der Film. Es dreht sich auch bei den neuen Medien immer noch um Filme, auch bei den Serien. Das Interesse an Filmen ist noch da, das wird eben auch dadurch widergespiegelt. Serien haben aber eine ganz andere Dramaturgie als Filme. Ich selbst mag es nicht so. Mich nerven diese Spannungskurven, die mal hoch und dann wieder runtergehen, nur um dann kurz vor dem Ende einer Folge wieder richtig hochzugehen. Das große Angebot der Streamingdienste hat leider viel Kraft auf dem Markt und bündelt dadurch viele Talente und Ideen, die dem Kino verloren gehen. Das merkt man zum Teil an der sinkenden Qualität der Kinofilme – bei den Serienanbietern bekommen Regisseure und andere richtig viel geboten und haben viele Freiheiten. Aber diese Leute fehlen dann im Kino.

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Ich habe manchmal den Eindruck, vielleicht, weil wir das unbewusst auch fördern, dass Braunschweiger für skurrilen Humor zu haben sind.

Wie könnte Kino in 30 Jahren aussehen?
(lacht) Ja, da gibt es schon sehr viele Visionen. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht genau. Ich habe innerhalb der 30 Jahre unheimlich viel erlebt. Angefangen habe ich als Filmvorführer im Kino „Die Lupe“ mit einem Projektor, der noch Kohlebogenlampen hatte. Während der Vorstellung mussten dort noch Kohledioden nachjustiert werden, damit die Helligkeit des Bildes nicht schwächer wird. Von Ton hat damals nicht wirklich jemand gesprochen. Jedes Auto und jedes Handy hat eine bessere Tonausstrahlung als das, was damals in den Kinos war.

Die Räume im Kino werden sich aber durchaus verändern. Die Visionen einiger Regisseure drehen sich um holographisches Kino, also Kino, welches nicht nur 3D ist, sondern einen Raum einnimmt. Man kann das bei Star-Wars-Filmen, wo es Holographiebilder gibt, sehen. Das ist alles noch nicht abbildbar, die Experimente gibt es schon. Demnächst wird es auch keinen Filmprojektor mehr geben, sondern LED-Leinwände. Die Bits und Bytes kommen direkt von der Festplatte über einen Decoder auf die LED-Leinwand. Zum Beispiel gibt es die schon in Südkorea, Samsung ist dort Weltmarktführer und versucht einen größeren Roll-out. Ein Projektor kostet im Schnitt 60 000 Euro und bei der Digitalisierung ist es leider so, dass man so ein Produkt mindestens alle fünf Jahre auswechseln muss. Das ist für Kinobetriebe nicht mehr darstellbar. Früher haben diese Projektoren dreißig Jahre gestanden und noch länger gehalten. Wenn man sich heute mal eine Vorführung im Filmmuseum ansieht, kann man erkennen, dass die alle noch laufen.

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Welche Film-Premiere hätten sie gerne im C1 Cinema gehabt?
(lacht) Na, sicher die größten. Nein, die größten hätte ich nicht gerne gehabt, weil man da einfach keinen Kontakt zu den Talenten bekommt. Da stecken die Agenturen dazwischen und alles ist bis ins Detail durchgeplant. Das ist nicht so schön. Wir erinnern uns gern an Jürgen Vogel und hoffen, dass er mal wieder kommt. Seine Halbschwester hat mal bei uns im Scala gearbeitet und das kam erst heraus, als er uns bei einer Premiere besucht hat. Dadurch hat er einen guten Draht nach Braunschweig. Das Tollste war, als er mit dem Film „Die Welle“ hier war und wirklich drei, vier Stunden im Kino verbracht hat. Die Besucher schwärmen noch heute davon. Wir hatten alle richtig Spaß dabei. Da kommt man so einem Menschen etwas näher. Die kleinen Dinge sind die interessanteren.

Was mögen Sie an der SUBWAY?
Grundsätzlich finde ich es schade, dass es in Braunschweig neben dem großen Medienmogul kaum ein Gegenblatt gibt, was sich traut, aufzutreten und entsprechend einen anderen Markt zu finden. Eine mittelgroße Stadt wie Braunschweig müsste das auch einfach vertragen. Inhaltlich ist es ja bei euch durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Und für mich ist auch aktuell noch nicht erkennbar, in welche Richtung es jetzt geht. Aber ich sehe den Schwung, dass ihr langsam versucht, auch wieder in die alten Höhen zu gelangen, was aber sehr schwer wird, weil man sich auch heute ganz anders aufstellen muss, weil letztendlich der geschriebene Anteil immer weniger wird. Was ich super finde – und das ist bei euch der Fall: Da stehen Menschen hinter, die das mit Gefühl und Leidenschaft machen. Die es letztendlich auch können. Klar, es geht immer besser. Das ist ja auch bei uns der Fall. Wir sind nicht das schönste, beste und größte Kino. In Braunschweig kann man das vielleicht so noch sagen, aber wenn ich den Kreis erweitere, kann ich das streichen. Wenn ich sehe, dass da Menschen hinter stehen, die ihre ganze Leidenschaft und ihr Wissen einbringen, dann mache ich da auch gerne mit.

STECKBRIEF

Name Frank Oppermann

Jahrgang 1962

Letzter Lieblingsfilm „Die Ökonomie des Glücks“.

Bestes SUBWAY-Titelbild „Raumpatrouille Orion“-Cover.

Popcorn oder Nachos Weder noch. Popcorn kann ich einfach nicht mehr sehen. Wir waren damals das erste Flebbe-Kino und das zweite bundesweit, welches Popcorn eingeführt hat. Wir haben auch mal ausgerechnet, was wir an Popcorn bei uns im C1 pro Jahr verkaufen und es ist fast die Menge des Steinhuder Meeres hinter Hannover.

Meine englische Synchronstimme wäre Jeff Bridges.

In 30 Jahren … hoffe ich, dass ich mir ein Häuschen auf Amrum gekauft habe und noch ganz viele Filme gucken kann.

Interview: Kathleen Kalle
Fotos: Katharina Holzberger

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