Neulich bin ich in der Weststadt gewesen. Oma hat zum Hackbratenessen geladen, das war der Grund.

Oma besuchen und Hackbraten essen sind zwei der Dinge, die ich viel zu selten mache, seitdem ich erwachsen bin. Früher haben wir immer gesagt: Alle Omas wohnen in der Weststadt. Jetzt ist es nur noch meine. In einem Hochhaus ganz oben. Wenn es klar ist, kann sie vom Balkon aus sogar den Brocken sehen, zumindest die Richtung, sagt sie.
„Mit der Linie 3 kann ich ja ganz bequem durchfahren!“, sage ich, als wir am Tisch sitzen und Oma nickt: „Stimmt, da musst du ja nur bei dir einsteigen und bei uns wieder aussteigen. Das geht ja ohne Probleme!“ Stimmt. Der Hackbraten sieht aus, wie Hackbraten aussieht und er riecht auch so. Oma sagt, sie hoffe, er schmeckt mir und er schmeckt mir. Außerdem gibt es noch Bohnen und Kartoffeln und was es bei Omas eben so gibt: Braune Soße. Ich lange zu und Oma freut sich. Mein Appetit ist zufriedenstellend. „Zum Nachtisch“, sagt Opa, „kannst du ja noch gezuckerte Erdbeeren haben.“ „Oder Wein“, sagt Oma. „Oder beides“, sage ich. Also haben wir beides. Ich habe die Erdbeeren und den Wein und Opa hat die Formel 1. Er sagt, er will den Start gucken und wir hören es schnarchen. Oma hat den Wein und die Zigaretten und wie cool meine Oma ist, denke ich da und wie es blitzt aus ihren Augen, wenn sie mich anguckt. „Die Ursel“, sagt Oma, „die Ursel erzählt ja immer noch von dir! Die konnte euch ja sehen, vom Balkon. Wie dein Vater dich vom Kindergarten abgeholt hat und du an den Fahrradständern turnen wolltest. Da wolltest du ... wupp!“ Und Oma macht eine Handbewegung mit der zigarettenfreien Hand. „Eine Drehung machen?“, frage ich. „Genau! Eine Drehung machen!“, sagt Oma zufrieden. „Da kann ich ja aber gar nicht so alt gewesen sein“, sage ich, „höchstens drei oder vier.“ „Ja“, sagt Oma und zieht an der Zigarette, „und schon damals hast du alles anders gemacht.“
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„Warte mal“, sagt sie dann und holt ein Fotoalbum raus. Oma im Kleid, Opa in Badehose. Wir staunen. Über Opas Schlanksein, die Qualität der Fotos und darüber, wie viel Zeit vergangen ist. „Da sieht Opa ja aus wie Elvis!“, sage ich und Oma grinst. „Aber jetzt schiebt er ’ne ruhige Kugel“, sage ich, als Opa aus dem Wohnzimmer kommt und sich über den Bauch streicht. „Genau!“, sagt Oma und lacht. Dabei guckt sie mich so an, als wäre sie stolz, dass mir so was einfällt und ich denke, es muss toll sein, Kinder (und Kindeskinder) zu haben, weil die einen immer überraschen. Dann zündet sie sich noch eine Zigarette an. „All die Jahre“, sagt sie, „all die Jahre.“

Ich notiere: In der Weststadt heulen ist voll ok.

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Dann zeigt Opa Fotos von einem Ausflug zum Hermanns-Denkmal. „Aber hochgekraxelt sind wir da nicht“, sagt er. Schade eigentlich, denke ich und staune weiter: Darüber, wie glücklich alle aussehen, wie jung und so sehr wie wir. „Ihr wart ja ’ne richtige kleine Gang“, sage ich und gieße noch einen Schluck Wein in mein Glas. Opa findet das sehr vernünftig. Was Opa sonst noch sehr vernünftig findet: Nach dem Frühstück einen Spaziergang machen und nach dem Spaziergang ein Nickerchen. Mit Oma Kaffee trinken und vom Balkon aus den Brocken suchen. Mit seinen Enkeln Pizza essen und mit den anderen Männern Karten spielen. Die erste Stunde mal verschlafen und das Studium durchziehen.
Manchmal macht Oma sich auch Sorgen. Zum Beispiel, wenn ich allein in den Urlaub fahren will. „So ganz alleine?“, fragt sie und guckt mich von der Seite an. Und ich nicke und sage: „Ganz alleine, Oma.“ Und Oma antwortet: „Na gut. Du wirst schon wissen, was du tust.“
Zum Abschied winken wir und das geht so: Wenn ich schon längst wieder unten bin, treten Oma und Opa in den Laubengang vom Hochhaus und winken. Und ich winke auch. Und meistens rufen wir noch was. Aber was, das verrate ich nicht.

Text: Kyra Mevert
Fotos: Michal Jarmoluk/StockSnap.io, Privat

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