Wolfgang Niedecken
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28. Juni 2025 | Lokpark (BS) | 19:30 Uhr
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Wolfgang Niedecken, der jetzt mit einem neuen Soloprogramm auf Tour geht, ist auch nach 50 Jahren noch von der Musik besessen. Und im Sommer setzt er mit BAP die „Zeitreise“ fort, die ihn diesmal auch nach Braunschweig und sogar nach Wacken führt.

 

Niedecken ist ein aufmerksamer Beobachter der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um populistische Strömungen geht. Mit dem 74-jährigen Sänger und Songschreiber sprach Olaf Neumann über Musik, Dialekte und seinen ungebrochenen Optimismus.

 

Gemeinsam mit Hans-Timm „Timsen“ Hinrichsen von Santiano haben Sie die ältere BAP-Nummer „Aff un to“ neu aufgenommen – auf Kölsch und Plattdeutsch. Wie kam es dazu?

Wolfgang Niedecken: Ich fand die Idee großartig, ein Album mit Kolleginnen und Kollegen zu machen, die noch Mundart sprechen. Dialekte sind die Sprache der Seele, aber leider sterben sie immer mehr aus. Timsen ist mit Plattdeutsch aufgewachsen, so wie ich mit Kölsch. Tatsächlich musste ich mit sechs Jahren meine erste Fremdsprache lernen – Hochdeutsch.

Was können Dialekte und Regionalsprachen, was die Hochsprache nicht kann?

Niedecken: Dialekte transportieren Emotionen auf eine ganz andere Weise. Sie sind unmittelbarer, persönlicher. Alle deutschen Musiker, die rocken, haben eine Möglichkeit gefunden, die oft kantige Hochsprache weicher zu machen. Sei es Udo mit seinem Nuscheln oder Herbert mit seinen besonderen Betonungen – es ist ein Weg, das Deutsche musikalischer zu gestalten.

Wie lange stehen Sie jetzt schon auf der Bühne?

Niedecken: Das kommt darauf an, ab wann man zählt. BAP gibt es seit 1976, aber schon vor meinem Kunststudium spielte ich in Schülerbands, die später ziemlich professionell wurden. Niemand hätte gedacht, dass ich BAP 48 Jahre später immer noch machen würde.

Niedecken mit seiner Band BAP


Im August treten Sie mit BAP erstmals beim Wacken Festival auf. Ist das Live-Spielen für Sie immer noch aufregend oder mittlerweile Routine?

Niedecken: Lampenfieber habe ich keines, aber das Kribbeln vor einem Auftritt muss da sein – sonst werde ich nervös. Es ist wie an Weihnachten als Kind: Wenn die Mama mit dem Glöckchen bimmelt, darf man endlich ins Wohnzimmer. Fehlt dieses Gefühl, bekomme ich plötzlich Lampenfieber.

Ihr neues Soloprogramm heißt „Niedecken zwischen Start und Ziel: Lieder und Geschichten aus dem Leben“. Wird es eine Fortsetzung Ihrer Autobiografien geben?

Niedecken: Einige der Geschichten stammen bereits aus meinen Büchern. Aber je mehr ich an dem Programm arbeite, desto mehr verändert sich der Inhalt. Es ist ein Unterschied, ob man ein Buch schreibt oder live vor Menschen erzählt. Zusammen mit Mike Herting umzusetzen, ist ein Traum – er ist ein unglaublich flexibler Musiker.

Welche Stücke spielen Sie bei „Zwischen Start und Ziel“?

Niedecken: Es gibt viel Material aus meinem Repertoire. Coverversionen wird es diesmal nicht geben, davon hatte ich genug auf meiner „Dylanreise“. Beim Durchblättern meiner Lieder finde ich ständig neue Ideen. Ich habe immer Wert darauf gelegt, dass kein Song auf einem Album nur ein Füller ist – das zahlt sich jetzt aus.

Zu Ihren Live-Auftritten kommen mittlerweile drei Generationen. Werden Sie den Jüngeren den historischen Kontext Ihrer Songs erklären?

Niedecken: Ich halte nichts davon, ein Konzert in eine Vorlesung zu verwandeln. Aber durch Anekdoten vermittle ich automatisch ein Zeitgefühl. Zum Beispiel, wie wir 1980 bei der Gegenbuch-Messe in Frankfurt gespielt haben – und uns ein Hippie sagte: „Ein Kofferverstärker hätte es ja wohl auch getan.“ Das führte dann zum Song „Müsli-Män“.

Welche „Gegenbücher“ hat man damals gelesen?

Niedecken: Bücher aus alternativen Verlagen, die keine großen Vertriebe fanden, weil sie nicht kommerziell genug waren. In Unistädten gab es unzählige linke Buchläden. Unser erstes Label, Eigelstein, versuchte, unsere Platten dort zu platzieren – aber es reichte nicht. Deshalb wechselten wir zur EMI.

Sie sind dann zur EMI gegangen. Dort wurde auch „Zehnter Juni“ veröffentlicht, ein Lied gegen den NATO-Doppelbeschluss. Hat es heute noch Relevanz?

Niedecken: Absolut. Als Putin seine „Teilmobilmachung“ ankündigte, bekam der Song plötzlich wieder eine neue Bedeutung. Ein guter Song funktioniert auch aus einer anderen Perspektive. Genau wie „Verdamp lang her“ – viele denken dabei an ihre eigene Vergangenheit, nicht daran, dass ich damals am Grab meines Vaters stand. Das ist völlig in Ordnung.

Donald Trump fordert von den NATO-Partnern fünf Prozent des BIP für Verteidigung. Was denken Sie über die steigenden Rüstungsausgaben?

Niedecken: Trump macht auf dicke Hose, ohne dass er es ernst meint – aber viele fallen darauf rein. Das Problem ist, dass immer weniger Menschen bereit sind, tiefgründige Analysen zu lesen. Viele informieren sich nur noch über Schlagzeilen auf Social Media. Die AfD nutzt das geschickt für ihre Propaganda. Es ist wichtiger denn je, dass Menschen wissen, wen sie wählen.

Die sozialen Medien haben Trump zurück ins Weiße Haus gebracht. Warum sehnen sich Menschen nach Autokraten?

Niedecken: Weil sie denjenigen wählen, der ihnen am wenigsten abverlangt. Wir erleben das auch hier: Die Grünen benennen unangenehme Wahrheiten – und verlieren Stimmen. Populisten hingegen versprechen einfache Lösungen für komplexe Probleme. Das ist gefährlich.

Wie bewahren Sie sich in diesen Zeiten Ihren Optimismus?

Niedecken: Ohne Empathie geht alles den Bach runter. Musik kann helfen, Gefühle wachzuhalten. Als Trump damals gewählt wurde, habe ich überlegt, ob ich das bei einem Konzert anspreche. Letztlich habe ich es gelassen, weil unsere „Zeitreise“-Tour in die Anfangsjahre von BAP zurückführte. Aber wer genau hinhört, weiß, wie ich darüber denke.

 

Foto Tina Niedecken

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Olaf Neumann

Geschrieben von Olaf Neumann

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